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Kubicki bei Will: „Wer Angst hat, kann zu Hause bleiben“

Diese Virologen haben das Regiment übernommen

Ohne Christian Drosten und Lothar Wieler wäre Deutschland in der Corona-Krise womöglich aufgeschmissen: Beide Männer sind gefragt wie selten in ihrer Laufbahn - als Berater der Bundesregierung, aber auch als Ratgeber der Bevölkerung.

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„Was soll ich mit dem R anfangen?“: Bei „Anne Will“ polterte Wolfgang Kubicki herum. Leider unwidersprochen, da die Experten fehlten.

Berlin. Das Coronavirus hat das Potenzial, die Gesellschaft zu spalten. Nach anfänglicher Eintracht wird zunehmend um die weitere Strategie im Umgang mit der Pandemie gestritten. So auch am Sonntagabend bei „Anne Will“: „Deutschland macht sich locker – ist das Corona-Risiko beherrschbar?“, lautete der Titel des Talks.

Diskutiert wurde das Thema von Malu Dreyer (SPD), Wolfgang Kubicki (FDP), der Physikerin Viola Priesemann sowie der Ärztin Ute Teichert und dem Theologen Peter Dabrock.

„Anne Will“ zu Corona: Die Experten fehlten

Es wurde eine müde Debatte. Das hatte zwei Gründe: Erstens verlief sich die Runde häufiger in Allgemeinplätze. „Wir müssen die armen Menschen unterstützen“, sagte an einer Stelle etwa Malu Dreyer unter Verweis darauf, das Lebensmittel teurer geworden seien. Doch wie, das blieb im Ungefähren.

Gravierender aber war, dass auch die Kompetenz fehlte. So hätte etwa ein Virologe der Runde gut getan – zumindest immer dann, wenn es um die epidemiologischen Facetten der Krise ging.

Reproduktionszahl in Corona-Zeiten – Niemand widerspricht Kubicki

Da ein solcher Vertreter fehlte, konnte beispielsweise Wolfgang Kubicki unwidersprochen lospoltern. „Ich weiß nicht, was wir mit dem R anfangen sollen“, sagte der FDP-Politiker mit Blick auf die Reproduktionszahl. Das diese nun wieder gestiegen ist, findet er unplausibel: Schließlich würde die Zahl der Neuinfektionen weiter sinken. Lesen Sie hier: Die Bedeutung der Reproduktionszahl – und ihre Mängel

Das kann man als Vertreter der Lockerung so formulieren. Nur fehlte ein Widerpart, der diese Perspektive wissenschaftlich einordnet. Gleiches galt für Malu Dreyer, die behauptete, dass groß angelegte Testungen keinen Sinn machten: „Wir haben eine so niedrige Fallzahl, das bei Tests fast nichts rauskommt“, berichtete die SPD-Landeschefin aus Rheinland-Pfalz. Daher sei es sinnvoller, gezielt dort zu testen, wo es einen Ausbruch gebe – etwa in Pflegeheimen. Auch das klang nicht unplausibel, eine fachliche Einschätzung dazu wäre aber interessant gewesen. Lesen Sie hier: Coronavirus – Was man über den Test wissen muss

Coronanvirus-Pandemie: Wie ein Waldbrand, der noch schwelt

Ein wenig Gegenwind erhielten die Kubicki-Argumente immerhin von Viola Priesemann. Die Physikerin vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation hätte sich einen längeren Lockdown gewünscht, um die Zahl der Neuinfektionen noch weiter zu drücken. Dies sei entscheidend, um sicherstellen zu können, dass alle Kontaktpersonen ermittelt werden können, erklärte Priesemann.

Eine häufig gehörte Forderung, wobei Priesemann nicht auf die Schäden in Wirtschaft und Gesellschaft einging, die durch den bisherigen Lockdown entstanden sind. Doch hatte die Wissenschaftlerin ein gutes Bild für die Situation: Die Pandemie sei wie ein Waldbrand, sagte Priesemann. Statt auch die letzten Brandherde zu löschen, gingen wir einfach nach Hause – und riskierten so ein neues Aufflammen.

Lockerungen von Corona-Einschränkungen: Reicht die Eigenverantwortung?

Etwas kontroverser wurde die schließlich Debatte, als es um den Faktor Eigenverantwortung ging. Peter Dabrock zeigte sich unter Verweis auf die Corona-Demonstrationen skeptisch, ob diese langfristig ausreichen wird, um das Virus zu kontrollieren. Es gebe ein großes Potenzial, die Extreme in der Gesellschaft über das Thema Corona zusammenzubinden, warnte der frühere Vorsitzende des Ethikrates.

Kubicki, der von der Gastgeberin übrigens leider nicht auf die Demo-Eskapaden des Parteikollegen Thomas Kemmerich angesprochen wurde, sah das anders. Es sei wichtig, mehr auf Eigenverantwortung zu setzen. Wer Angst habe, könne ja zuhause bleiben, sagte der Parteivize süffisant. Na dann.

So wurde die Corona-Krise zuletzt bei „Anne Will“ diskutiert

Fazit: Experten müssen zu Wort kommen

Diese Ausgabe von „Anne Will“ zeigte sehr gut, wie sehr eine Talkshow mit ihren Gästen steht und fällt. In diesem Fall war die Zusammensetzung nicht besonders erquickend, vor allem, weil das fachliche Gegengewicht fehlte.

Der Erkenntnisgewinn war so am Ende gering. Man kann nur hoffen, dass sich „die Virologen“ weiterhin umfassend zu Wort melden werden – auch wenn Teile von Politik und Gesellschaft sie mittlerweile massiv infrage stellen.

Zur Ausgabe von „Anne Will“ in der ARD-Mediathek

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