ARD-Krimi

Polizeiruf-Faktencheck: Wettbetrug – Wer ist betroffen?

Kommissarin Brasch (Claudia Michelsen) im Polizeiruf.

Kommissarin Brasch (Claudia Michelsen) im Polizeiruf.

Foto: Stefan Erhard / dpa

Der Polizeiruf „Totes Rennen“ taucht in das Wettmilieu ein. Wie aber funktioniert Wettbetrug? Und welche Sportarten sind betroffen?

Berlin. Kommissarin Doreen Brasch (Claudia Michelsen) ermittelt im „Polizeiruf 110 – Totes Rennen“ nach dem Tod eines jungen Mannes im Wettmilieu. Auf eigene Faust begibt sie sich in die Magdeburger Wettbüros, völlig ahnungslos stürzt sie sich in die Szene.

„Wie funktioniert das eigentlich?“ will Brasch von dem LKA-Ermittler Hannes Kehr schließlich wissen. Gemeint ist Betrug bei Sportwetten. Kehr erklärt ihr, es handele sich um mafiaartige Strukturen, um ein global agierendes Netzwerk. „Hier in Magdeburg?“, fragt die Kommissarin verblüfft. Ja. Fußball, Volleyball, Eishockey, Tennis – alle Sportarten seien betroffen. Hauptsächlich aber handele es sich um drittklassige Spiele.

Stimmt das, was Kehr da erzählt? Wie funktioniert Wettbetrug ganz praktisch? Welche Sportarten und Ligen sind betroffen? Wo sitzen die Drahtzieher? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Sportwetten – Was ist legal?

In Deutschland galt bislang das staatliche Wettmonopol, angesiedelt bei den Bundesländern, auch für Sportwetten. Nur Odsset darf offiziell Sportwetten anbieten. Private Wettanbieter wie tipico oder bwin befinden sich in einer rechtlichen Grauzone. Ihre Lizenz haben sie nicht in Deutschland, sondern im Ausland erworben. Streng genommen dürfen sie auch nur dort tätig sein.

Der Europäische Gerichtshof hat 2010 jedoch entschieden, dass eine solche Sportwettregulierung, wie sie im Glücksspielvertrag der Bundesländer steht, nicht mit dem EU-Recht vereinbar ist. Drohen deutsche Behörden den privaten Wettanbietern mit der Schließung oder mit Strafen, könnten diese sich auf das höherrangige EU-Recht berufen.

Im Januar haben die Bundesländer aber nun eine Reform des Glücksspielmarktes beschlossen. Am 1. Juli 2021 läuft der aktuelle Glücksspiel-Staatsvertrag aus. Künftig sollen private Unternehmen Sportwetten anbieten dürfen, sowohl auf Ergebnisse als auch auf einzelne Ereignisse während des Spiels wie eine rote oder gelbe Karte oder das erste Tor. Live-Wetten, bei denen die Manipulationsgefahr besonders hoch ist, sollen nur zu bestimmten Zeiten erlaubt sein.

Wie der Deutsche Sportwettenverband (DSWV) jüngst mitteilte, haben Wettkunden im vergangenen Jahr Einsätze von insgesamt 9,3 Milliarden Euro getätigt. Das ist ein neuer Rekord.

Wie funktioniert Wettbetrug ganz praktisch?

2:1 Endstand, rote Karte in der 15. Minute oder ein Foul an Spieler xy. Damit man sicher sein kann, bei einer Sportwette Geld zu gewinnen, müssen Spieler oder Schiedsrichter zum Beispiel dazu gebracht werden, absichtlich zu verlieren. Dies geschieht meist über Bestechung.

Für Spieler in unterklassigen Ligen kann das Geld ein netter Bonus sein. „Bei Profifußballern ist das schwieriger. Die lassen sich mit ein paar Euro nicht kaufen“, sagt Sylvia Schenk, Leiterin der Arbeitsgruppe Sport bei Transparency International Deutschland. Die Organisation setzt sich seit mehr als 15 Jahren gegen Korruption im Sport ein, insbesondere für die Bekämpfung der Manipulation von Sportwettbewerben ein.

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Erpressung ist ein anderes gängiges Mittel. Ist ein Spieler vielleicht spielsüchtig und braucht dringend Geld oder hat er Schulden, dann ist er ein beliebtes Opfer. Laut Schenk gab es in Osteuropa auch Fälle, in denen Familien von Spielern bedroht wurden, um die Sportler zum Betrug zu zwingen.

Die eigentlichen Macher säßen aber oft in Asien. Hier ist das Geschäft mit Sportwetten besonders ausgeprägt. Die Manipulation laufe letztlich über mehrere Länder und Stationen. Oft sei nicht mehr nachzuvollziehen, wo der Drahtzieher sitzt. Das alles sei hochkomplex. „In der organisierten Kriminalität wird gerne Geld über Sportwetten gewaschen. Es drohen weniger hohe Strafen als beim Drogenhandel“, sagt Schenk.

Welche Sportarten sind betroffen?

Wettbetrug hat sich laut Sylvia Schenk von Transparency International seit Einführung des Internets rasant ausgebreitet. Betroffen seien anfangs international vor allem Sportarten wie Cricket oder Tennis gewesen. Inzwischen werde aber fast jede Sportart zur Manipulation genutzt. „Alle reden immer von Fußball, dabei ist es in anderen Sportarten viel einfacher zu manipulieren. Beim Badminton muss ich nur einen Spieler bestechen“, sagt Schenk.

Was wird gegen Wettbetrug unternommen?

Das Phänomen Wettbetrug wird in Deutschland nach Einschätzung von Schenk erst seit 2009 ernst genommen. Damals war der Wettbetrug von Ante Sapina aufgeflogen. Der Kroate hatte Spieler und Schiedsrichter im Fußball bestochen. Es handelte sich hierbei um einen der größten europäischen Wettskandale.

Ein Europarats-Abkommen sorgt jetzt dafür, dass Gesetzeshüter, Sportorganisationen und Wettanbieter über Ländergrenzen hinweg besser zusammenarbeiten. Ermittlungserkenntnisse werden ausgetauscht und Präventionsarbeit geleistet.

Um Spielmanipulation weiter einzudämmen, sind aus Sicht von Sylvia Schenk auch strikte Werbeverbote für Sportwetten im Hinblick auf Minderjährige und junge Erwachsene nötig, die durch Sport besonders ansprechbar sind. Dass der ehemalige Fußball-Torhüter Oliver Kahn Werbung für tipico macht, hält sie für falsch. „Solche Werbung signalisiert: Um dabei zu sein, musst du wetten. Das ist fatal.“

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