ARD-Talk

„Hart aber fair“: So lief der Zins-Talk mit Susan Link

Susan Link (Mitte) springt für Frank Plasberg bei „Hart aber fair“ ein uns begrüßte CSU-Generalsekretär Markus Blume und ARD-Börsenexpertin Anja Kohl.

Susan Link (Mitte) springt für Frank Plasberg bei „Hart aber fair“ ein uns begrüßte CSU-Generalsekretär Markus Blume und ARD-Börsenexpertin Anja Kohl.

Foto: Klaus W. Schmidt via www.imago-images.de / imago images/Klaus W. Schmidt

Susan Link vertritt aktuell Frank Plasberg bei „Hart aber fair“. Bei ihrem Auftritt in der Talkshow machte die Redaktion einen Fehler.

Köln. Ein Schreckgespenst geht um in Deutschland. Es hört auf den sperrigen Namen „Nullzinspolitik“. Oder noch schlimmer: „Negativzinsen“. Beides sind Ergebnisse der ultralockeren Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) – und sie führen dazu, dass Bankkonten keine Erträge mehr abwerfen. Oh Schreck!

Wirtschaftsthemen sind oft nicht sexy, doch wenn’s um das Schicksal des deutschen Sparers geht, kochen zumindest die Emotionen hoch. So auch am Montagabend bei „Hart aber fair“. „Wer jetzt noch spart, ist selber schuld: Muss uns die Politik vor Minuszinsen retten?“, lautete das Thema der Sendung – diesmal allerdings ohne Frank Plasberg. Der Moderator fällt krankheitsbedingt für einige Wochen aus.

Und so begrüßte ARD-Kollegin Susan Link („Morgenmagazin“) die Zuschauer stattdessen. „Lieber Frank, gute Besserung, komm‘ bald wieder! Das hier ist dein Platz, ich halte ihn so lange warm“, ließ sie den an den Folgen eines Knalltraumas leidenden Moderator wissen. Ein Einstand mit Stil.

„Hart aber fair“: Das waren die Gäste bei Susan Link:

  • ARD-Börsenexpertin Anja Kohl
  • CSU-Generalsekretär Markus Blume
  • Sahra Wagenknecht, Die Linke
  • Christian Achilles zufallen, Deutscher Sparkassen- und Giroverband
  • Dorothea Mohn, Verbraucherzentrale Bundesverband

„Hart aber fair“-Runde malt düsteres Zins-Szenario

Doch das war’s dann auch schon mit Höflichkeiten. Die Gäste, die Link um sich versammelt hatte, legten gleich los. Und sie malten ein düsteres Szenario. „Wir haben eine Welt ohne Zins. Und der Zins wird auch nicht wiederkommen“, prophezeite ARD-Börsenexpertin Anja Kohl. „Wir müssen die Zinswende hinbekommen“, forderte CSU-Generalsekretär Markus Blume.

Und selbst Sahra Wagenknecht von der Linken musste eingestehen: „Das Zinsumfeld ist ein Problem“. Natürlich durfte der obligatorische Verweis auf vermeintlich unanständige Gehälter von Sparkassen-Vorstandsvorsitzenden im nächsten Atemzug nicht fehlen.

Und trotzdem: Über alle parteipolitischen und ideologischen Grenzen hinweg herrschte Einigkeit. Das mag damit zu tun haben, dass die Deutschen sechs Billionen Euro angespart haben. Gleichzeitig wirft das Geld aber immer weniger Rendite ab, mehr und mehr Banken fordern sogar Negativzinsen. 61 Institute hat die „Hart aber fair“-Redaktion schon ausgemacht. Sehen Sie hier eine Liste der Banken, die Negativzinsen von ihren Kunden fordert.

Die Rolle des Buhmanns in der Runde sollte Christian Achilles zufallen, seines Zeichens Pressechef des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes. Doch der PR-Mann parierte alle Vorwürfe geschickt. Negativzinsen? „Zum Glück ist es bisher gelungen, die breite Kundschaft davor zu schützen“, sagte Achilles. Überteuerte Girokonten? „Früher wurde durch Zinsen vieles Subventioniert. Jetzt muss ein Girokonto das kosten, was es kostet. Da steckt eine Dienstleistung dahinter“, so der Banker.

Und auch die von Sparkassen massenweise gekündigten Sparverträge verteidigte er gekonnt. „Nach 15 Jahren war das Ende erreicht, eine Kündigung war möglich“. Also alles halb so wild. Viel lieber verwies Achilles ohnehin auf andere Anlageformen: Aktien und Immobilien. Für seinen Arbeitgeber ist das auch lukrativer.

„Hart aber fair“-Redaktion hätte anderen Gast einladen sollen

ARD-Börsenexpertin Anja Kohl und Dorothea Mohn von der Verbraucherzentrale Bundesverband konnten immerhin noch einwerfen, dass Kunden, deren Sparvertrag gekündigt wurde, dies unbedingt prüfen lassen sollten. Doch dann war auch schon wieder Sahra Wagenknecht zur Stelle, die den Sparkassen-Mann hart anging. „Sie agieren wie eine konventionelle Bank, die ihren Aktionären verpflichtet ist. Dass Sie jetzt den kleinen Leuten den Stuhl vor die Tür setzen, finde ich unerträglich“, sagte die ehemalige Linken-Fraktionschefin.

In einem Einspieler machte die Redaktion sodann deutlich, wer eigentlich für die Misere verantwortlich ist: natürlich die EZB. Es stimmt: Der Leitzins der Zentralbank liegt seit Jahren bei null Prozent, Banken, die Geld bei der EZB parken, müssen sogar einen Einlagezins von aktuell minus 0,5 Prozent berappen – das Geld wird also weniger.

„Jetzt ist es an der Zeit, etwas für den deutschen Sparer zu tun“, forderte CSU-General Blume in bester bayerisch-rustikaler Manier. Und Börsenexpertin Kohl sekundierte: „Die Politik muss aufwachen. Wir destabilisieren unser System“. Ex-EZB-Chef Mario Draghi war in dieser Logik der Böse – und konnte sich nicht mal wehren. Schade, dass Moderatorin Link und ihr Team darauf verzichtet haben, zusätzlich einen Ökonomen in die Runde einzuladen.

So ging komplett unter, dass die Nullzinspolitik der Zentralbank auch viele gute Seiten hat – und makroökonomisch sinnvoll ist. Es herrscht Vollbeschäftigung, Staat, Unternehmen und Verbraucher können sich so günstig wie nie finanzieren. Und die Aktienmärkte prosperieren. All das ist volkswirtschaftlich wünschenswert. Nur: Niemand in der Runde vertrat es. Dazu gibt es auch immer noch Tages- und Festgeldangebote, die sich für Sparer weiter lohnen.

„Hart aber fair“: Wagenknecht liegt sich mit CSU-General in den Haaren

Dafür wurden einmal mehr alte Schlachten geschlagen. Die Linke Wagenknecht diffamierte Aktienmärkte pauschal als „Kasino“, denen man gerade bei der Altersvorsorge nicht vertrauen dürfe. CSU-Mann Blume warf Wagenknecht daraufhin – mindestens genauso undifferenziert – vor, dass sie und ihre Partei noch immer dem Sozialismus nachhingen.

Mit ihren Vorschlägen aber stand die linke Bundestagsabgeordnete dann alleine dar: Stärkung der gesetzlichen Rente, höhere Rentenbeiträge. Und natürlich höhere Steuern für die Reichen. Am Ende war es ausgerechnet Sparkassen-Mann Christian Achilles, der ebenfalls den Lobbyist der Entrechteten mimte. Es gebe, hob er an, einen Anteil in der Bevölkerung von zehn bis elf Prozent, der so wenig habe, dass er nicht in der Lage sei, zu sparen. Hier müsse der Staat etwas tun, damit auch diese Menschen sich ein kleines Vermögen aufbauen könnten.

Man darf wohl davon ausgehen, dass der Sparkassen-Vertreter kein Vermögen durch Zinsen meinte. Sondern durch Investitionen in Aktien und Immobilien. Der EZB sei Dank.

Hier geht es zur aktuellen Ausgabe von „Hart aber fair“ in der ARD-Mediathek.