Kino

Filmemacher Fatih Akin: „Ich habe jetzt weniger Wut“

Regisseur und Produzent Fatih Akin spricht während der Pressekonferenz des Films „Der goldene Handschuh“.

Regisseur und Produzent Fatih Akin spricht während der Pressekonferenz des Films „Der goldene Handschuh“.

Foto: Christoph Soeder / dpa

Fatih Akin feierte mit der Mörderbiografie „Der goldene Handschuh“ Premiere. Ein Gespräch über das reale Grauen und neue Gelassenheit.

Berlin/Hamburg.  Mit seiner Milieustudie sorgte Regisseur, Drehbuchautor und Produzent Fatih Akin (45) zum Auftakt der Berlinale für Gesprächsstoff. 2004 hatte der Hamburger mit dem Drama „Gegen die Wand“ den Goldenen Bären gewonnen. In „Der goldene Handschuh“ (ab 21. Februar im Kino) erzählt er die Geschichte des Frauenmörders Fritz Honka, der in den 1970er-Jahren in der Hansestadt sein Unwesen trieb.

Herr Akin, der Roman von Heinz Strunk erzählt von dem Frauenmörder Fritz Honka, der seine Opfer in der Kiezkneipe Zum goldenen Handschuh fand. Das Buch von 2016 wurde überraschend ein Bestseller. Was hat Sie daran gereizt, es zu verfilmen?

Fatih Akin: Mir gefällt an dem Buch, dass Heinz Strunk es geschafft hat, sowohl den Opfern als auch Fritz Honka eine Würde zu geben. Honka ist für mich nicht ein Serienmörder wie Hannibal Lecter aus „Das Schweigen der Lämmer“. Der mordet in den USA und ist ohnehin nur eine fiktive Figur. Honka war ein realer Mensch aus meiner Nachbarschaft.

Als ich in der Grundschule war, hieß es: Pass auf, sonst kommt der Honka! Er war eine Angstfigur meiner Kindheit. Ich brauche immer einen persönlichen Zugang zu dem Stoff. Ich habe mir überlegt, wie ich mit der Gewalt umgehe, damit der Film nicht so aussieht, als hätte Tarantino ihn gemacht. Wir wollen die Gewalt nicht wegwischen oder wegschneiden, aber visuelle Wege finden, sie nicht explizit zu zeigen. Sie soll im Kopf entstehen.

Heinz Strunk hat viele Fans.

Ich hatte Strunks erstes Buch „Fleisch ist mein Gemüse“ gelesen und fand es unterhaltsam, Christian Görlitz hat es verfilmt. „Der goldene Handschuh“ fand ich aber großartig! Traurig! Bei der Lesung in der Fabrik haben fast alle Leute gelacht. Ich habe den Roman gar nicht als witzig empfunden, auch wenn er mit schwarzem Humor arbeitet.

Die Leute dachten eben, jetzt kommt wieder der lustige Mann des Telefonstreich-Trios Studio Braun.

Wahrscheinlich. Und dann sind Strunk und ich zusammen in den goldenen Handschuh gegangen. Meine Frau Monique hat früher ganz in der Nähe gewohnt. Vielleicht war ich in dem Laden, um Zigaretten zu holen, aber eigentlich ging man da nicht rein. In den 1980er-Jahren hatte der Laden den Ruf, eine Nazi-Kneipe oder zumindest eine für HSV-Fans zu sein.

So richtig bin ich da zum ersten Mal mit Strunk rein. Es war ein Mittwoch, und ich saß bald neben einer „Säber-Alma“, wie es im Roman heißt. Sie war wohl um die 70, kam an unseren Tisch und hat mich ein bisschen angebaggert. Ich habe sie gefragt, wer sie ist, und warum sie hierherkommt. Sie hat mir erzählt, sie sei 40 Jahre verheiratet gewesen.

Nachdem die Kinder aus dem Haus waren, hat ihr Mann sie verlassen. Seitdem kommt sie in den Laden, um ihre Rente zu versaufen. Da hat sie angefangen zu weinen. Die Begegnung mit dieser Frau ging mir sehr nah, sie hat mich irgendwie kalt erwischt.

„Tschick“, „Aus dem Nichts“ und „Der goldene Handschuh“ – drei Filme in drei Jahren, eine beachtliche Leistung.

Ich habe bei „Tschick“ gelernt, schneller zu arbeiten. Für „The Cut“ habe ich fünf Jahre gebraucht. Vielleicht habe ich mich mit „Tschick“ neu erfunden. „Aus dem Nichts“ hat eine ähnliche Wut wie „Gegen die Wand“. Aber man hat weniger Wut, je älter man wird, man wird gelassener.

„Der goldene Handschuh“ kommt aus einer ganz anderen Nachbarschaft. Da würde ich mich gern weiter ausprobieren, meine Fühler in neue Bereiche strecken, auch wenn es Filme wie „Aus dem Nichts“ immer geben wird. Und das ist ja auch der Film, der mich jetzt wirklich nach Hollywood gebracht hat, das Angebot der Stephen-King-Verfilmung und die Marlene-Serie gehen darauf zurück. Jetzt, mit Mitte 40, fasziniert mich das Handwerk viel mehr als die Kunst. Wie sagte schon Kafka: „Die Kunst hat das Handwerk nötiger als das Handwerk die Kunst.“