Pyeongchang.

Kein normaler Mensch

Eric Frenzel lässt alle Sorgen der Saison hinter sich und krönt sich erneut zum König der Kombinierer

Pyeongchang. Die Freuden­schreie schon 50 Meter vor dem Ziel, das Küsschen gen Himmel, der Telemark beim Überfahren der Ziellinie – alles war wie immer bei Siegen von Eric Frenzel. Und doch war diesmal alles ganz anders. Nach seinem zweiten Olympiasieg nach 2014 fiel auf dem Siegertreppchen alle Last vom Fahnenträger aus dem Erzgebirge ab. „Mein großes Ziel war es, hier erfolgreich zu sein, dafür habe ich alles andere hinten anstehen lassen“, sagte der Kombinierer nach seinem erneuten Gold-Coup. Die Tränen in den Augen waren nicht gespielt.

Der Empfang im Deutschen Haus fiel gebührend aus. Seit 2002 haben nun alle deutschen Fahnenträger jeweils auch Gold geholt. „Es gibt nur einen Eric Frenzel“, sangen alle und Frenzel ließ die Sektflasche kreisen. Alle – auch seine von ihm bezwungenen Teamkollegen – tranken mit und zollten ihrem Besten Respekt. Der Teamgeist unter den Kombinierern war nicht gespielt.

„Ich habe alles in die Waagschale geworfen. Ich bin am letzten Berg All-in gegangen“, sagte Frenzel, nachdem er den favorisierten Japaner Akito Watabe und Lukas Klapfer aus Österreich auf die Plätze vertröstete. Mit seinem unwiderstehlichen Antritt sprang der 29-Jährige wenige Meter vor dem Ziel davon. Von seinen Trainern habe er die Anweisung bekommen, dass er in der Spitzengruppe diesmal der „Boss“ sein solle, erzählte er strahlend. „Es ist unglaublich, was für eine Energie er hat, im Kopf vor allem, da ist er brutal stark“, sagte Bundestrainer Hermann Weinbuch und schwärmte: „Er ist kein normaler Mensch.“

Auch das nötige Glück stand dem fünfmaligen Gesamtweltcupsieger bei der ersten Entscheidung der Kombinierer zur Seite. In Teamkollege Fabian Rießle sowie den Norwegern Jörgen Graabak und Jan Schmid waren viele schon am Morgen bei der Windlotterie von der Skisprungschanze aus dem Rennen. „Letztendlich hat der Wind entschieden, wer die Möglichkeit hat, eine Medaille zu gewinnen oder nicht“, zürnte der Bundestrainer.

Dabei stand Frenzel in diesem Winter mit dem Springen eigentlich auf Kriegsfuß. Doch er ließ nichts unversucht, um die plötzlich aufgetretene Sprungschwäche wieder abzulegen. Erst die Rückkehr auf das Bindungssystem der vergangenen Saison brachte ihm die nötige Sicherheit zurück. „Mit einem Mal hatte er das Vertrauen zu seinem Ski wieder“, erzählte Bundestrainer Weinbuch über die Arbeit vor der Abreise nach Südkorea. Unter seiner Leitung haben die Kombinierer nun 45 Medaillen bei Großereignissen geholt.

Der König der Kombinierer, wie Frenzel respektvoll ob seiner Erfolge in den vergangenen zehn Jahren genannt wird, hat nicht genug, zumal er keinen Sieg überbewertet. Und das macht ihn stark. An ein Karriereende denkt er nicht: „So lange alles so läuft, wie es momentan läuft, habe ich keinen Grund zu sagen: Ich muss in nächster Zeit kürzer treten oder gar aufhören.“

Die weiteren deutschen Kombinierer komplettierten ein starkes Teamergebnis, das noch auf weitere Olympia-Medaillen im Einzel und in der Mannschaft hoffen lässt. Johannes Rydzek lief vom elften auf den fünften Platz, Fabian Rießle vom 16. auf den siebten.