Fußballer mit Hörfehler

Dylan Volkmann hört die Gegenspieler nur trapsen

Dylan Volkmann auf dem Platz seines neuen Clubs Atlantik 97.

Dylan Volkmann auf dem Platz seines neuen Clubs Atlantik 97.

Foto: Dirk Schulz

Der 19-Jährige hat einen angeborenen Hörfehler und erkennt Gegner in seinem Rücken mitunter auch an ihrem Schatten.

Neuallermöhe. Trotz des Lärmschutzwalls sorgt die Autobahn 25 auf dem Sportplatz von Atlantik 97, der direkt an der Ausfahrt Neuallermöhe-West liegt, für ein ständiges Hintergrundrauschen. Auf der anderen Seite fährt gerade ein HVV-Bus mit dem typisch brummenden Motorengeräusch auf dem Felix-Jud-Ring an.

Dylan Volkmann hört von alldem nichts. Der Fußballer ist durch einen angeborenen Gendefekt laut Definition mittelgradig schwerhörig. Das heißt, er hat auf dem linken Ohr eine Beeinträchtigung von 40 bis 50 Grad. Rechts sind es 50 bis 60 (siehe Info am Textende).

Hörgeräte werden „angezogen“

Wenn der Reporter das nicht bereits wüsste, es wäre ihm nicht aufgefallen. Das Gespräch mit dem
19-Jährigen verläuft wie jedes andere. Auch Volkmanns Stimme klingt normal. „Nah höre ich bei normaler Sprechlautstärke fast alles. Den Rest lese ich von den Lippen ab. Und wenn ich doch etwas nicht verstanden habe, frage ich einfach nach“, sagt der Neuallermöher, der seine Hörgeräte nur selten „anzieht“, wie Schwerhörige sagen.

Beim ambitionierten Kreisligisten wissen auch nicht alle Akteure vom Handicap ihres neuen Mitspielers – zumindest bis jetzt. Volkmann ist gerade erst vom Gehörlosen SV zu Atlantik gewechselt. Beim Team, mit dem er gerade den Aufstieg aus der untersten Klasse, der Kreisklasse B, geschafft hat, war er leistungsmäßig unterfordert.

Kapitän der U21-Nationalmannschaft der Gehörlosen

Volkmann, dessen Vater taub und dessen Mutter und Bruder hochgradig schwerhörig sind, spielt so gut, dass er es bis zum Kapitän der U21-Nationalmannschaft der Gehörlosen und Schwerhörigen geschafft hat. Mit der U18 wurde er 2019 in Thailand Vierter der Futsal-WM. Und bei einem Turnier der DCL, das steht für Deaf Champions League (deaf: englisch für taub), wurde er zum besten Spieler des Turniers gewählt.

Die Anforderungen für ihn auf dem Fußballplatz beschreibt er wie folgt: „Augenkontakt ist das Wichtigste. Ich muss immer gucken, gucken, gucken. Leise Kommandos höre ich im Spiel nicht.“ Etwa den Zuruf „Hintermann“, wenn ein Mitspieler vor einem im Rücken nahenden Gegenspieler warnen will. Die erkennt Dylan Volkmann statt­dessen auf subtilere Weise. „Ent­weder am Schatten, wenn die Sonne scheint, oder wenn der Gegner so doll trapst, dass der Boden vibriert“, sagt der 19-jährige Absolvent der Elbschule für Gehörlose in Altona.

„Ach so, der redet mit mir“

Mit „angezogenen“ Hörgeräten könnte er zwar deutlich mehr hören, aber die Nebengeräusche wie den Wind beim Laufen empfindend er als sehr störend. „Nackt“ kann es im Eifer des Gefechts natürlich vorkommen, dass er nicht alle Anweisungen seines Trainers hört. Etwa als er in der Jugend von UH-Adler mit Normal-Hörenden spielte. „Mein Trainer hat geschimpft, weil er dachte, ich quatsche zu viel mit meinem Mitspieler. Dabei hatte ich nur nachgefragt, was er gesagt hat“, sagt Volkmann.

Beim Training von Atlantik 97, wenn sich die Mannschaft im Kreis aufstellt, postiert er sich möglichst in der Nähe von Trainer Alexander Schreiber, um dessen Anweisungen zu verstehen. „Natürlich entstehen manchmal auch peinliche Momente. Etwa, wenn ich feststelle: Ach so, der redet mit mir“, sagt der Neuallermöher.

Also, liebe Schiedsrichter, sollte Dylan Volkmann ihren Pfiff nicht sofort hören, seien Sie nachsichtig. Oder machen Sie es wie bei Partien des Gehörlosen SV: Da wedelt der Unparteiische wie ein Linienrichter zusätzlich mit einer Fahne, wenn er in seine Pfeife bläst.

Info: Schwerhörigkeit

Schwerhörigkeit und Taubheit gehören mit 0,3 Prozent zu der am häufigsten angeborenen Erkrankung. Ursachen können Gendefekte, Fehlbildungen oder Erkrankungen der Mutter vor der Geburt sein. Das Ausmaß der Schwerhörigkeit wird in fünf Stadien geteilt.

Als normalhörig gilt, dessen Abweichung von der definierten Hörschwelle bis 20 Dezibel (db) liegt. Geringgradig schwerhörig ist, wenn etwa das Ticken einer Armbanduhr nicht gehört wird. Ab 60 db (hochgradig schwerhörig) wird ein Gesprächspartner nicht mehr gehört. Ab 80 db (grenzt an Gehörlosigkeit) hört man selbst laute Musik nicht.