Nach 1:5-Debakel

HSV-Untergang – Erklärungsversuche für das Unerklärliche

Kraftvoll setzt sich HSV-Profi Martin Harnik von Sandhausens Tim Kister ab.

Kraftvoll setzt sich HSV-Profi Martin Harnik von Sandhausens Tim Kister ab.

Foto: Christian Charisius / dpa

Die schlimmste Niederlage der HSV-Geschichte wirkt auch im Heimatgebiet nach. An Coach Hecking scheiden sich die Geister.

Bergedorf. Vierlandes Fußball-Idol Martin Harnik hätte das Desaster vielleicht noch abwenden können. Gleich zweimal tauchte der 33-jährige HSV-Profi, der das Kicken einst beim TSV Kirchwerder lernte, am Sonntag bei einem 0:2-Rückstand gegen den SV Sandhausen gefährlich vor dem Tor der Gäste auf. Doch sein Kopfball geriet zu harmlos, sein Schuss war genau auf Keeper Marti Fraisl gezielt. Das Problem dabei: Kurz vor der Pause waren dies erst die Torchancen Nummer drei und vier für die viel zu harmlosen Hamburger. Danach musste Harnik raus, das Ende des Nachmittags ist bekannt: Mit 1:5 kassierte der HSV die bitterste Pleite seiner Vereinsgeschichte.

Trainer Heckings fragwürdige Entscheidungen

Was nun? Wir haben uns unter den Fußballexperten im Heimatgebiet einmal nach Konzepten für die Zukunft umgehört. Dabei wurden in der Analyse immer wieder drei Aspekte genannt: die vielen Gegentore (46), die mutlosen Auftritte des Teams und die vielen fragwürdigen Entscheidungen von Coach Dieter Hecking.

Torsten Henke (Curslacker Trainer-Ikone): „Ich bin schockiert und fassungslos. Bis Sonntag habe ich gesagt: Nicht wieder alles über den Haufen werfen! Doch so Leid es mir tut: Jetzt bin ich dann doch der Meinung, dass der Trainer ausgetauscht werden muss. Hecking hat in den vergangenen Wochen gravierende Fehler gemacht. Wie kann man in so einem wichtigen Spiel mit Ewerton einen Spieler bringen, der noch nie funktioniert hat?“

Dennis Tornieporth (Trainer Düneberger SV): „Also bei mir hätten die Spieler jetzt noch nicht Sommerpause. Die hätte ich noch schön eine Woche lang ihre Defizite aufarbeiten lassen. Es ist aber gut, dass der HSV nicht aufgestiegen ist, denn mit dieser Mannschaft und dieser Spielart hat er in der Bundesliga nichts zu suchen. Ich mag eigentlich Heckings besonnene Art, aber er hat viele Fehler gemacht. Der HSV braucht einen Coach, der mutiger ist. Und Mentalitätsspieler, die auf dem Platz auch mal eine Drecksau sein können.

Frank Flatau (Fußball-Abteilungsleiter TuS Dassendorf): Ich würde an Hecking festhalten. Ich traue ihm und auch HSV-Sportverstand Jonas Boldt schon zu, dass sie aus den Fehlern dieser Saison lernen. Was mir beim HSV gefehlt hat, sind Spaß, Freude und vor allem die Überzeugung, einen Gegner auch mal 3:0 oder 4:0 schlagen zu können. Was der HSV jetzt tun muss, ist Spielertypen wie früher David Jarolim oder Nigel de Jong zu holen, die vorangehen.

Ralph Vollmers: (Schiedsrichter Ikone aus Geesthacht): „Die können froh sein, dass keine Fans im Stadion waren. Die Spieler haben für mich alle keine Arbeits-Ehre. Da helfen in meinen Augen nur streng leistungsbezogene Verträge: Auflaufprämie, Torprämie, Kilometerprämie, all diese Dinge. Hecking würde ich behalten, die anderen machen es auch nicht besser.

Anna Hepfer (ehemalige HSV-Spielerin, Trainerin SCVM III): „Seit der HSV 2012 das Frauen-Bundesligateam zurückzog, bin ich nicht mehr gut auf den Verein zu sprechen. Vielleicht ist es Karma, was jetzt seit Jahren passiert. Es müsste sich einiges ändern, damit der HSV wieder aufsteigt, was ich aber in naher Zukunft ohnehin nicht sehe.“

Simon Gottschling (Trainer Oststeinbeker SV): „Was erwarten die Leute? Dafür, dass der HSV einen frisch zusammengestellten Kader hat, war die Saison gar nicht so schlecht. Ich würde jetzt gar nichts ändern und einfach so mit Hecking weitermachen.“

Sören Deutsch (Trainer TSV Glinde) bewies hellseherische Fähigkeiten: „Ich habe vorher in meine HSV-Gruppe geschrieben, dass Bielefeld gewinnt und wir verlieren. Nach dem 1:3 habe ich ausgeschaltet. Wenn man wirklich HSV-Fan ist, dann nimmt man solche Leistungen halt auch irgendwann persönlich. Daher kann es auch mit Hecking jetzt nicht weitergehen. Die sollen junge Leute holen, die sich mit dem HSV identifizieren und nicht das Ziel haben, gleich aufzusteigen. Dann könnte ich auch damit leben, Tabellenneunter zu sein.“