Verbandstag

Fußballvereine lehnen Aufstieg der Tabellenzweiten ab

„Abstand halten“, war das Motto beim außerordentlicher Verbandstag des Hamburger Fußball-Verbands in der Wandsbeker Sporthalle.

„Abstand halten“, war das Motto beim außerordentlicher Verbandstag des Hamburger Fußball-Verbands in der Wandsbeker Sporthalle.

Foto: Dirk Schulz

Die Vereine folgten in ihren Beschlüssen den Vorschlägen des Hamburger Fußball-Verbands. Doch der blieb Konzepte schuldig.

Wandsbek. Die seit März wegen der Corona-Pandemie unterbrochene Saison im Hamburger Amateur-Fußball wird abgebrochen. Die Platzierungen werden nach dem Punkte-Quotienten (Punkte durch Spiele) ermittelt. Alle auf diese Weise Erstplatzierten ihrer Liga steigen auf. Absteigen muss keine Mannschaft. Diese Regelung gilt für alle Spiel- und Altersklassen.

Die wesentlichen Beschlüsse, die von der Mitgliederversammlung des Hamburger Fußball-Verbands am Montagabend in der Wandsbeker Sporthalle mit großer Mehrheit offiziell abgesegnet wurden, waren keine Überraschung. Dafür war das Stimmungsbild bei einer vor sechs Wochen durch den HFV durchgeführten Umfrage zu eindeutig gewesen. 84 Prozent der Vereine hatten sich damals für einen Abbruch ausgesprochen.

Viele Vereinsvertreter hätten sich jedoch einen größeren Erkenntnisgewinn gewünscht. Immerhin 135 von 248 Klubs hatten einen Vertreter zum außerordentlichen Verbandstag entsandt, der nach strengen Corona-Richtlinien abgehalten wurde. Doch auf viele konkrete Fragen erhielten sie nur ausweichende Antworten. Tenor des HFV-Vorstands: „Wir wissen ja nicht, woran wir bei Corona sind und wie lange es noch geht.“

In welchem Modus die neue Saison gespielt wird, bleibt unbeantwortet

Genau deshalb hatten Vereine von den für den Herrenbereich zuständige Spielausschuss denkbare Modelle für den Modus der neuen Saison erwartet: Bleibt es, wie gehabt, bei einem Hin- und Rückspiel gegen jedes Team? Oder muss jede Staffel mangels ausreichender Termine in zwei Gruppen geteilt werden? Oder wird eine einfache Spielrunde mit allen Mannschaften ausgetragen? Oder, oder, oder?

Frank Meyer , 1. Vorsitzender von Barmbek-Uhlenhorst, brachte es auf den Punkt. „Sie müssen doch nach drei Monaten Corona-Pause sagen können: Wir spielen wie immer, wenn es im September losgeht. Wenn es erst im Oktober losgeht, kommt Variante A zum Tragen, und wenn es noch länger dauert, kommt Variante B. Das hat der Jugendspielausschuss doch auch geschafft“, betonte Meyer.

Der Vorstand des Hamburger Fußball-Verbands weiß aber nicht, woran er ist. „Wir kennen die neuen Staffelgrößen ohne Absteiger nicht, weil wir nicht wissen, wie viele Mannschaften für den Spielbetrieb melden. Oder ob eine Mannschaft freiwillig absteigt“, sagte Joachim Dipner, der Spielausschuss-Vorsitzende. Letzteres ist durch den Verbandstagbeschluss jetzt für die Teams möglich, die in der Tabelle auch auf einem Abstiegsplatz liegen. Allerdings: Der HFV hätte es wissen können. Nämlich dann, wenn er den gewohnten Termin zur Mannschaftsmeldung wegen Corona nicht verschoben, sondern vorbehaltlich der Verbandsbeschlüsse an ihm festgehalten hätte.

Leidenschaftliche Debatte um Aufstiegsrecht für Tabellenzweite

So aber fürchteten Dipner und Co. übervolle Ligen, wenn die Vereinsvertreter in der Wandsbeker Sporthalle auch einige oder alle Tabellenzweiten – wie in mehreren Anträgen unter anderem vom ASV Bergedorf 85 und Atlantik 97 gefordert – als Aufsteiger zugelassen hätten. „Wenn Ihr das wollt: Wir können das alles machen. Wir empfehlen es ausdrücklich nicht“, betonte HFV-Schatzmeister Christian Okun.

Und Dipner ergänzte, dass etwa die Oberliga dann auf 21 Mannschaften erweitert werden müsste. „Wir gehen zwar im Moment davon aus, dass wir am 1. September eventuell beginnen können. Aber selbst dann hätten wir bis Ende Mai 2021 nur 35 Wochenenden für 44 Spieltage plus die Pokalspiele. Das ist medizinisch nicht zu verantworten“, argumentierte Dipner.

„Müssen froh sein, überhaupt wieder Fußball spielen zu können“

Es entwickelte sich eine leidenschaftliche Diskussion. Das Kernargument der Befürworter: Für die Absteiger wird in Corona eine Ausnahme gemacht. Für die Zweiten nicht. Hintergrund: In „normalen“ Spielzeiten steigen immer zumindest einige Zweitplatzierte als Nachrücker auf. Das wird ohne Absteiger nur bei Zurückziehungen möglich. „Ich plädiere für mehr Vorsicht. Wir diskutieren hier, als ob es normal weitergeht“, mahnte Peter Bahr von Voran Ohe. Und Jan Ketelsen (1. FC Quickborn) hob hervor: „Wir sollten froh sein, wenn wir überhaupt wieder Fußball spielen können – egal in welcher Liga.“

Letztlich kam es zur Kampfabstimmung, bei der 734 Stimmen für den Aufstieg aller Zweiten entfielen. 1724 Stimmen waren dagegen. Erklärung: Pro gemeldetem Team hat ein Verein eine Stimme. Auch die „Kompromissvorschläge“ von Atlantik und Bergedorf 85, alle höheren Ligen mit einer geraden Anzahl an Teams spielen zu lassen – damit würden die größten Härtefalle abgefedert – fand keine Mehrheit.

Stimmen zum Verbandstag:

Hartmut Helmke (SV Curslack-Neuengamme):„Ich hätte erwartet, dass nicht nur über die Aufsteiger, sondern auch mehr über die Absteiger diskutiert wird. Ich finde, wenn jemand in der Saison wie Bramfeld nur zehn Punkte holt, hätte es sich gehört, abzusteigen. Aber ich gebe zu: Wenn wir in dieser Situation gewesen wären, weiß ich nicht, wie ich dann entschieden hätte.“
Frank Flatau (TuS Dassendorf): „Ich bin echt enttäuscht, dass nichts Konkretes zum Spielbetrieb gesagt wurde. Stattdessen wurde wieder viel Zeit verschwendet.“
Florian Baum (ASV Bergedorf 85): „Unser Antrag war ein Versuch, dass unsere ,Zweite’ mit aufsteigt. Er ist mit einem Mehrheitsbeschluss abgelehnt worden. Das müssen wir so akzeptieren.“
Robert Mimarbachi (VfL Lohbrügge): „Überall im Norden sind die Infektionszahlen gering. In Schleswig-Holstein ist normales Zweikampftraining mit zehn Leuten möglich. Hamburg ist immer sehr zurückhaltend. Ich kann das nicht nachvollziehen. Zumal ich ab 1. Juli mit weiteren Lockerungen rechne.“
Dirk Fischer (HFV-Präsident, auf Nachfrage aus dem Plenum): „Wenn in Schleswig-Holstein Freundschaftsspiele erlaubt sind, haben wir keine Bedenken, wenn einer unserer Vereine, der aus diesem Bundesland kommt, eines durchführt.“
Gerald Grassé (SV Nettelnburg/Allermöhe): „Ich sitze im Jugendspielausschuss des Norddeutschen Fußball-Verbands. Dort haben wir für alle denkbaren Starttermine ein Modell in der Schublade.“
Ralph Herbrechter (SV Altengamme, zu Gerald Grassé): „Der Hamburger Fußball-Verband hat keine Schubladen.“
Carsten Byernetzki (HFV-Sprecher): „Es waren schwere Entscheidungen zu treffen. Wir sind froh, dass die Masse der Vereine den Anträgen des Verbands gefolgt ist.“
Jan Ketelsen (1. FC Quickborn): „Den Umgang des Verbands mit der Krise fand ich bis zum heutigen Tag bescheiden, diese Salami-Taktik. Es kann sein, dass ihr euch nach anderen Landesverbänden richten wolltet. Aber diese Taktik ist voll in die Hose gegangen. Jetzt ist der Zeitpunkt, an dem man für die Zukunft lernen müsste. Nämlich eine verbindliche Entscheidung für uns Fußballer zu treffen, dafür seid ihr von uns gewählt. Ich möchte einfach, dass ihr uns mit ins Boot holt, entweder durch Umfragen oder Arbeitsgemeinschaften. Teilt uns schnellstmöglich den Stand eurer Beratungen mit und trefft Entscheidungen nicht hinter verschlossenen Türen.“