In Schleswig-Holstein

Training mit Körperkontakt: Sportler als Versuchskaninchen

Aumühles Eric Schlüter wird von Christoph Schnoor und Marten Rucha (HC Treia/Jübek) in die Zange genommen.

Aumühles Eric Schlüter wird von Christoph Schnoor und Marten Rucha (HC Treia/Jübek) in die Zange genommen.

Foto: Hanno Bode

In Schleswig-Holstein dürfen Handballer und Fußballer im Training wieder ohne Abstand zur Sache gehen. Aber tun sie das auch?

Aumühle. Am Mittwochabend trafen sich die 3. Handball-Herren des TuS Aumühle wie üblich zum gemeinsamen Training. Doch etwas war anders als sonst. Denn in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen ist jetzt wieder Training mit Körperkontakt erlaubt. Falls Corona-Infektionen ausbleiben, sollen die anderen Bundesländer folgen. Sportler als Versuchskaninchen.

„Ein bisschen surreal“

Gerade in einem so körperbetonten Sport wie Handball trainieren die Bedenken da natürlich mit. „Wir werden besprechen, ob wir wirklich wieder mit Körperkontakt spielen wollen. Die Stimmung wird geteilt sein“, blickte TuS-Spieler Felix Schreiber voraus, „es ist schon ein bisschen surreal, wenn bei der Arbeit, im öffentlichen Nahverkehr und in den Geschäften auf Abstand gesetzt wird, und abends knutscht du dann beim Sport deinen Kollegen ab.“

Das Team „zappeln lassen“

Die Lockerungen erreichen viele Handballteams in der Sommerpause. So wie die 1. Herren des TuS. „Die Jungs haben voll Bock drauf, wieder in die Halle zu kommen. Das ist quer durch alle Teams zu spüren“, sagt Erwachsenenwart Timm Kretzschmar, „aber man merkt, dass alle die vergangenen Wochen im Hinterkopf haben.“ Die Handballerinnen der Lauenburger SV, die Elbdiven, starten am 2. Juli ins Hallentraining. „Wir sind alle ganz entspannt, was das Thema ,Körperkontakt’ angeht“, sagt Kreisläuferin Maren Knakowski, „wir kennen uns ja schon ewig.“ Auch die Handballerinnen des VfL Geesthacht würden gerne mal wieder Bälle aufs Tor werfen, wie ihr Trainer Thomas Brodeßer nur zu genau weiß: „Doch ich lasse sie zappeln!“ Für die kommenden zwei Wochen steht ausschließlich Draußen-Training ohne Kontakt auf dem Programm, nachdem Brod­eßer seine Damen zuletzt schon die Schönheiten des Kugelstoßens näher gebracht hat. Und wenn es regnet? „Dann singen wir ,I’m singin’ in the rain’“, grinst der Coach, der ganz bewusst noch keinen Handball zulässt: „Sonst wird es später schwierig, die Spannung hochzuhalten. Niemand weiß ja, wann die Saison losgeht.“

„Privileg, auf dem Platz zu stehen“

Dieses Problem haben auch die Fußballer. Trotzdem trainieren viele Teams wieder regelmäßig. So auch Bezirksligist SC Wentorf, am Mittwochabend bereits zum dritten Mal mit Körperkontakt. Seltsame Szenen waren dabei zu beobachten. Die Spieler kamen auf abgetrennten Bereichen an, erreichten mit Maske die Wartezone am Spielfeld, nur um dann auf dem Feld munter in die Zweikämpfe zu gehen. Coach Slavec Rogowski nähert sich der Sache mit Begeisterung, aber auch mit Demut: „Es ist ein Privileg, keine Selbstverständlichkeit, dass wir wieder auf dem Platz stehen und uns umgrätschen dürfen“, betont er. Ein freiwilliger Verzicht auf Kontakt im Training sei keine Alternative: „Soll ich mich wochenlang zurückziehen und nichts anfassen? Das kann es nicht sein!“

„Amateure lässt man aufeinander los“

Auch beim Landesligisten FC Voran Ohe soll es bald wieder Zweikämpfe im Training geben. Sofern die Spieler das wollen. Doch wohl ist Coach Rainer Seibert bei der Sache nicht. „Ich halte das für unverantwortlich“, schimpft er, „die Profis testen sie dreimal pro Woche, und uns Amateure lassen sie einfach so aufeinander los.“

„Die Gemeinschaft fehlt am meisten“

Viele Fußballer teilen diese Bedenken nicht. „Wir haben gleich ein Fünferturnier gespielt“, freut sich Dennis Tornieporth, Trainer des Landesligisten Düneberger SV, dass Leben in den Trainingsbetrieb kommt. Beim FSV Geesthacht halten die Spieler noch Abstand, „aber Spaß macht das nicht“, ist sich Trainer Idris Gümüsdere bewusst. Beim TSV Glinde fiel das Training zuletzt sogar mangels Interesse aus. Nun hofft Coach Sören Deutsch, dass sich der Betrieb wieder belebt. Nicht zuletzt, weil in Glinde auch hinterher geduscht und zusammengesessen werden darf. „Die Gemeinschaft ist das, was mir am meisten gefehlt hat“, klagt Deutsch.