An der Tagesordnung

Fußballer greifen (zu) oft zur Schmerztablette

Um fit fürs Spiel zu werden, riskieren manche Fußballer ihre Gesundheit.

Um fit fürs Spiel zu werden, riskieren manche Fußballer ihre Gesundheit.

Foto: Moussa81 / Getty Images

„Ich kenne Spieler, die Tabletten wie Müsli gegessen haben“, sagt Christoph Hammel (früher Schwarzenbek) und bestätigt damit eine ARD-Recherche.

Bergedorf. Verletzungen pflasterten die Fußball-Laufbahn von Christoph Hammel (ehemals SC Schwarzenbek, SVCN). Als der heute 37-Jährige vor drei Jahren seine „Buffer“ an den Nagel hängte, standen in seiner Krankenakte unter anderem vier Kreuzbandrisse – zwei in jedem Knie. In vielen Partien konnte er nur auflaufen, weil er nachgeholfen hatte: mit Schmerzmitteln wie Ibuprofen oder Aspirin. „Ich habe viel Schindluder mit meinem Körper betrieben und bin froh, dass ich heute trotzdem schmerzfrei joggen kann“, sagt Hammel.

Schmerzmittelmissbrauch im Fußball sind bei Amateuren und in Profiteams alltäglich. Das haben Reporter des Recherchezentrums Correctiv und der ARD-Dopingredaktion herausgefunden, die dem Thema über Monate nachgegangen sind. Die Ergebnisse waren gestern in der ARD-Dokumentation „Geheimsache Doping: Hau rein die Pille!“ nach dem DFB-Pokal-Halbfinale zu sehen. Die Doku gibt es auch in der Mediathek.

„Ich kenne Spieler, die Tabletten wie Müsli gegessen haben“, sagt Christoph Hammel. In jungen Jahren träumte er von einer Profi-Laufbahn. Um in der Jugend noch in den Kader der Hamburger Auswahl zu rutschen, ließ er sich trotz Muskelfaserriss mit Tabletten und Akupunktur fit machen. Hammel: „Ich konnte sprinten wie ein Gott. Hinterher hatte ich aber einen Muskelbündelriss, fiel noch länger aus.“

Ein Fünftel nimmt einmal pro Monat Tabletten

Correctiv und ARD-Dopingredaktion befragten 1142 Amateurspieler in einer nicht repräsentativen Online-Erhebung zu ihrem Tablettenkonsum. Rund die Hälfte gaben an, mehrmals pro Saison Schmerzmittel zu nehmen, 21 Prozent sogar einmal im Monat oder öfter. Als Grund gilt die Bekämpfung von akuten Schmerzen, aber auch die Erhöhung der Belastbarkeit. Wohlgemerkt: Auf der Liste der Welt-Antidoping-Agentur stehen Schmerzmittel nicht.

„Man muss sich nichts vormachen: Manche Spieler sind auf die Kohle, die sie im Amateurfußball bekommen, angewiesen und holen sich lieber ihre Auflaufprämie ab, anstatt auf ihren Körper zu achten“, hat Hammel beobachtet. Er selbst spielte bereits im Alter von 17 Jahren bei Vorwärts-Wacker Billstedt in der Oberliga, damals die vierthöchste Spielklasse.

Hammel: „Würde es wieder so machen“

Nach den ersten Kreuzbandrissen war der Traum vom Profitum bei ihm dann ausgeträumt. Doch nach drei Jahren ganz ohne Fußball juckte es wieder. „Ich habe auch noch beim SC Schwarzenbek ab und an Tabletten genommen. Etwa weil ich vor einem Auswärtsspiel wusste, dass der Platz tödlich für mein Knie ist, ich aber trotzdem spielen wollte.“ Und: „Ich würde es heute genau so wieder machen.“

Heutzutage, so Hammel, wäre der Einsatz von Schmerztabletten dabei gar nicht mehr unbedingt nötig. „Leute wie ,Jogi’ Ohle (Athletiktrainer TuS Dassendorf, die Red.) sind so gut ausgebildet, die kriegen dich gesund und fit.“

Ohle selbst kann übermäßigen Tablettenkonsum bei den Dassendorfern nicht bestätigen: „Es kommt vor, dass ein Spieler bei akuten Schmerzen mal eine Tablette haben will. Aber: Die Zwanziger-Packung, die ich dabei habe, reicht ewig.“

Schlimme Nebenwirkungen möglich

Dassendorfs Regisseur Sven Möller räumt derweil ein, dass mitunter zur Tablette gegriffen wird: „In gewissen Belastungssituationen, wenn am Ende der Saison, alle auf der letzten Rille laufen, kommt das vor wichtigen Spielen schon vor. Ich zum Beispiel hatte 2019 vor dem Pokalendspiel gegen Norderstedt Fersenprobleme und konnte nur mit Tabletten spielen. Es ist ja auch nicht verboten“, sagt Möller. Zudem nachvollziehbar, wenn die Qualifikation für den DFB-Pokal winkt.

Die Nebenwirkungen bei übermäßigem Konsum sind derweil nicht zu vernachlässigen. Leber, Magen, Herz oder Nieren können angegriffen werden. Es sei denn, die Spieler werden mit Placebos vertröstet. „Bei uns wollte Jan Landau früher häufiger eine Schmerztablette haben, wenn was war“, berichtet Oliver Schubert, der Manager des SV Curslack-Neuengamme. „Jan hat dann von ,Jockel’ (Physiotherapeut Joachim Köhler, die Red.) Traubenzucker bekommen. ,Wirkt super’, hat Landau immer gesagt.“