Magische Momente

Klaus Junge – Leuchtender Schachstern in dunklen Zeiten

Klaus Junge auf einem undatierten Foto mutmaßlich aus den 30er-Jahren.

Klaus Junge auf einem undatierten Foto mutmaßlich aus den 30er-Jahren.

Foto: Wiki Commons

Beim Osterkongress 1938 in Bergedorf begann die Karriere eines der größten deutschen Schachtalente aller Zeiten.

Bergedorf. Es gibt sie in jedem Verein und an jedem Ort: die magischen Momente. In einer Serie beleuchten wir außergewöhnliche Sportereignisse im Heimatgebiet. Unsere heutige Geschichte führte uns dabei ins Bergedorf der 30er-Jahre zurück – in eine Zeit, in der nichts „magisch“ zu sein schien. Doch das änderte sich, als ein 14-jähriger Junge auf der Bildfläche erschien.

Das Jahr 1938 – Zeit der Gegensätze

Das Frühjahr 1938 war für die Menschen in Deutschland eine Zeit der Gegensätze. Die Olympischen Spiele 1936 in Berlin wirkten noch nach. Das „großartigste Sportereignis, das die Welt je gesehen hat“, wie die britische Zeitung „Observer“ schrieb, hatte der Welt das Bild eines aufstrebenden Landes vorgegaukelt. Das „Auto für Jedermann“ des im Mai 1938 gegründeten Volkswagen-Werks verhieß Wohlstand. Doch der Alltag war grau. Vor allem für die Juden, die immer stärker vom gesellschaftlichen Leben isoliert wurden. So durften seit Jahresbeginn 1938 jüdische Ärzte nicht mehr praktizieren. Welche verbrecherischen Pläne das Regime von Adolf Hitler verfolgte, wurde im März 1938 mit dem Einmarsch in Österreich und dem „Anschluss“ des Nachbarlandes offenkundig.

Von der Stadt zum Stadtteil

Auch für Bergedorf war es eine Zeit des Wandels. Am 1. April 1938 trat das von der Hitler-Regierung initiierte Groß-Hamburg-Gesetz in Kraft. Die hamburgische Stadt Bergedorf verlor ihre Selbstständigkeit und wurde zu einem Hamburger Stadtteil. Ob angesichts solcher fundamentalen Veränderungen der Osterkongress der Schachspieler, der Mitte April 1938 in Bergedorf abgehalten wurde, große Beachtung fand, ist zweifelhaft. Doch es waren die besten Spieler des Nordens vertreten, die in zwei Leistungsgruppen gegeneinander antraten. Darunter war auch ein 14-jähriger Jugendlicher, der als krasser Außenseiter angereist war: Klaus Junge.

Ein außergewöhnliches Kind

Seine Familie stammte aus Dithmarschen. Schon der Urgroßvater war einst nach Chile ausgewandert, wo Klaus Junge am 1. Januar 1924 in der Stadt Concepción als Jüngster von fünf Brüdern geboren wurde. Sein Vater, Otto Junge, war zwei Jahre zuvor chilenischer Landesmeister im Schach geworden und hatte sein Talent an den Sohn vererbt. Als Klaus Junge vier Jahre alt war, zog die Familie wegen der besseren Zukunftsaussichten zurück nach Dithmarschen. Bei der Einschulung wurde deutlich, was für ein ungewöhnliches Kind hier heranwuchs, wie seine Biografen Edmund Budrich und Dietmar Schulte 1956 beschrieben: „Im Zimmer des Rektors lagen einige Zeitungen auf dem Tisch. Auf die scherzhafte Frage, ob er denn schon lesen könne, nahm Klaus die erste, beste Zeitung und las dem Rektor mit vollem Verständnis des Inhalts einen Abschnitt vor. Er wurde sofort in die 2. Klasse eingestuft.“

Auf Anhieb gleich das Turnier gewonnen

Mit 14 Jahren tauchte dieser in der Schachszene bis dahin völlig unbekannte Jugendliche nun also zum ersten Mal bei einem großen Turnier auf, dem Osterkongress in Bergedorf, und gewann die schwächere B-Gruppe auf Anhieb. Es war der Auftakt zu einer außergewöhnlichen Karriere.

Ein Jahr später siegte er mit nun 15 Jahren überlegen in der A-Gruppe beim Nordmarkkongress in Lübeck und etablierte sich in der deutschen Spitze. Im Norden fand der Junge aus Dithmarschen schon bald kaum noch Gegner. Mit 17 Jahren, als frischgebackener Abiturient, gewann er die Hamburger Blitzmeisterschaft mit 32 Siegen in 39 Begegnungen. Bei diesem Wettbewerb bleiben den Akteuren nur fünf Minuten Bedenkzeit pro Partie. Wissen und Berechnung treten zurück, Gefühl und Talent rücken in den Vordergrund.

Der Magier am Brett: machtlos

Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939 kam die internationale Schachszene fast zum Erliegen. Das NS-Regime erkannte jedoch das Propaganda-Potenzial, das in dem jungen Schachmeister lag, und ließ ihn 1942 beim internationalen Turnier in Salzburg nachrücken, nachdem der niederländische Ex-Weltmeister Max Euwe (1901-1981) abgesagt hatte. Plötzlich fand sich der 18-Jährige im Kreis der besten Spieler der Welt wieder, allen voran Weltmeister Alexander Aljechin (1892-1946). Der war ein wahrer Magier am Brett und pflegte seine Gegner mit kunstvollen Opfer-Kaskaden zu überrollen. Auch mit 49 Jahren hatte Aljechin nichts von seiner Spielstärke verloren und gewann das Turnier überlegen. Doch Klaus Junge spielte die Partie seines Lebens, konterte den Weltmeister kühl aus und siegte sensationell.

Tragisches Ende nach Sieg gegen den Weltmeister

Was also hätte aus diesem Talent noch werden können, dessen Karriere in Bergedorf begann? Doch das Leben des Klaus Junge war auf eine unheilvolle Bahn geraten. 1943 wurde er zur Wehrmacht eingezogen. Am 17. April 1945, wenige Tage vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs, starb er. Als Offizier der Artillerie soll Junge mit zehn Kameraden versucht haben, mit Panzerfäusten den Vormarsch britischer Panzer auf Hamburg aufzuhalten. Er wurde nur 21 Jahre alt. Klaus Junge fiel in Welle (Landkreis Harburg), unweit des Ortes, an dem sein Schachstern einst aufgegangen war.

Bis heute gilt er als eines der größten Talente, die es im deutschen Schach je gegeben hat. Doch am Ende seines kurzen Lebens war er zu einer Figur in einem viel größeren „Spiel“ geworden. Die Fäden hielten nun andere in der Hand.