Radsport

Der „Club der Verrückten“ vom Mont Ventoux

Die Radprofis der  Tour de France quälen sich auf den Mont Ventoux.

Die Radprofis der Tour de France quälen sich auf den Mont Ventoux.

Foto: picture-alliance

Den schwersten Anstieg der Tour de France wollte der 16-jährige Jonas Lippitsch dreimal hintereinander bewältigen. Dann kam die Coronakrise.

Schwarzenbek. Nur zu gerne wäre Jonas Lippitsch in den Osterferien, die in Schleswig-Holstein am Montag beginnen sollten, in den „Club der Verrückten“ aufgenommen worden. So richtig offiziell mit Urkunde. So wie knapp 15.000 andere weltweit vor ihm, darunter immerhin fast 1000 Frauen. Der 16-Jährige aus Schretstaken bei Schwarzenbek fährt für das Racing-Team Herzogtum Lauenburg und gehört zu den größten Radsporttalenten Norddeutschlands. Doch der „Club der Verrückten“, das ist auch unter Seinesgleichen noch einmal etwas ganz Besonderes.

Der Sehnsuchtsort dieser Enthusiasten ist der Mont Ventoux, ein gewaltiger, 1909 Meter hoher, am Gipfel baumloser Berg in der Provence, der seine Umgebung völlig dominiert. „Der steht da wie ein Fels“, schwärmt Carsten Lippitsch, der Vater von Jonas. „Von oben sieht man an einem klaren Tag bis zu den Pyrenäen, den Alpen und bis zum Mittelmeer.“ Mont Ventoux heißt „windiger Berg“, denn der Mistral weht hier fast immer. Hinzu kommt die Sonne, die erbarmungslos herunterbrennt und von den weißen Felsen der Mondlandschaft in Gipfelnähe tausendfach reflektiert wird.

Auf dem Gipfel ins Sauerstoffzelt

Diese Mischung hat den Mont Ventoux zu einem Kultort der Tour de France gemacht. 1967 brach der Brite Tom Simpson beim Aufstieg tot zusammen. 1970 verausgabte sich der Belgier Eddy Merckx, der größte Radsportler der Geschichte, so sehr, dass er im Ziel mit einem Schwächeanfall ins Sauerstoffzelt musste. Die Tour gewann er trotzdem.

1987 siegte der Franzose Jean-Francois Bernard im Einzelzeitfahren auf den Giganten der Provence und durfte für einen einzigen Tag in seinem Leben das berühmte Gelbe Trikot überziehen. Und 2013 machte der Brite Chris Froome hier den ersten seiner vier Tour-de-France-Siege klar. „Die Hitze, die Fans, es ist überwältigend. Es gibt steilere Anstiege bei der Tour, aber keinen, der schwieriger ist. Der Ventoux ist einzigartig“, schwärmte der Franzose Bernard Thévenet, der hier 1972 den berühmten Merckx abhängte.

Kein Wunder, dass der Mont Ventoux jedes Jahr Tausende Hobby-Radsportler anzieht. Vater und Sohn Lippitsch gehörten 2016 zu ihnen, ein sportliches Abenteuer, das vor allem den Papa an den Rand seiner Leistungsfähigkeit brachte: „Ich hatte den Muskelkater meines Lebens, aber ich fand mich hinterher ziemlich gut.“

Jonas hatte Blut geleckt, als er vom „Club der Verrückten“ erfuhr. Dort wird aufgenommen, wer alle drei Anstiege binnen 24 Stunden bewältigt, dokumentiert durch Stempel in den Tälern und auf dem Gipfel. Also: rauf, runter, rauf, runter, rauf, runter – 137 Kilometer mit 4400 Höhenmetern an einem Tag. Wer es noch häufiger schafft, kommt in den „Club der Galeerensklaven“.

Hartes Training allein kaum zu schaffen

Es war schon alles gebucht, da machte die Corona-Pandemie das Vorhaben zunichte. Und nicht nur das: „Jonas sollte in dieser Saison mit seinen beiden Teamkollegen Silas Koech und Kai Scheffing für die RG Nord in der U19-Bundesliga fahren, doch die ersten Rennen sind schon abgesagt“, klagt Carsten Lippitsch, der beim Racing-Team Vereinsgründer, Ideengeber, Trainer, Mechaniker und Materialwagenfahrer ist – alles in einer Person.

Das Coronavirus, es hat die Radsportler gründlich ausgebremst. Nun steht das ganze Racing-Team vor dem Aus. Nachwuchs gibt es kaum, obwohl der Coach von Ratzeburg über Mölln bis Schwarzenbek und Geesthacht an verschiedenen Orten trainieren ließ und überall trommelte. Und für das Top-Trio ist das harte Training allein statt in der Gruppe kaum zu schaffen. „Im Herbst beginnen Silas und Kai eine Lehre, Jonas wechselt die Schule, um Abitur zu machen“, blickt Carsten Lippitsch voraus, „dann geht ein Lebensabschnitt zu Ende.“ Und der Gedanke an den „Club der Verrückten“ in der fernen Provence wird dann nur noch eine Erinnerung sein.