Attacke auf Schiedsrichter

Ein Jahr Sperre für Täter nach Märchenstunde im Sportgericht

Justitia hatte beim Amateurfußball mal wieder alle Hände voll zu tun.

Justitia hatte beim Amateurfußball mal wieder alle Hände voll zu tun.

Foto: Wolfram Steinberg / picture-alliance/ dpa

Für den Angriff auf einen Schiedsrichter ist ein Spieler von Einigkeit II für ein Jahr gesperrt worden. Der Weg zur Wahrheitsfindung war steinig.

Lohbrügge. Die Woche danach war eine Zeit des Zweifelns. Immer wieder ließ sich Pascal Hennig vom SV Nettelnburg/Allermöhe damals die Vorfälle durch den Kopf gehen, die sich am 30. November 2019 auf dem Kunstrasen am Binnenfeldredder ereignet hatten. Als Schiedsrichter der Fußball-Kreisklasse-Partie zwischen dem VfL Lohbrügge II und dem ESV Einigkeit II war er in der 70. Minute von einem gerade des Feldes verwiesenen Gäste-Akteur von hinten attackiert worden und benommen zu Boden gegangen.

Eine Woche lang gezweifelt

Der Schock saß tief. „Die ganze Woche lang habe ich mich mit meiner Freundin Vivien, mit Freunden, mit Schiedsrichter-Kollegen und Fußballern im Verein besprochen“, schildert er, „man hinterfragt sich. Ich bin sicher ein strenger Schiri, setze die Regeln durch. Aber wieso gerade ich? Mein Vater war 26 Jahre lang Referee und hat nie etwas Vergleichbares erlebt.“

Seit zehn Jahren pfeift Hennig bereits Fußballspiele. Schließlich stand seine Entscheidung fest. „Ich mache weiter“, betont er, „man darf sich von so etwas nicht das Leben bestimmen lassen. Ich will die 25 Jahre als Schiedsrichter voll machen. Aber wenn so etwas noch einmal passiert, ist sofort Schluss.“

Zwei Stunden lang verhandelt

Aber erst einmal stand am Mittwochabend die Verhandlung des Vorfalls vor dem Sportgericht des Hamburger Fußball-Verbands an. Zunächst wurde der Sonderbericht des Schiedsrichters verlesen. Hennig schildert darin eine Partie mit extrem hitziger Atmosphäre. Als er frühzeitig einen Gäste-Akteur wegen gefährlichen Spiels (Tritt zum Kopf des Gegners) vom Platz stellte, habe dieser geantwortet: „Schade, dass ich ihn nicht im Gesicht getroffen habe.“

20 Minuten vor Schluss kam es dann zum Eklat. Über das Foul eines Lohbrüggers regte sich ein Spieler von Einigkeit so sehr auf, dass er Gelb sah. Da er aber bereits mit Gelb verwarnt war, korrigierte sich Hennig und zog Gelb-Rot. Der Spieler entfernte sich zunächst vom Ort des Geschehens und drehte dann um. Was folgte, schilderte Augenzeuge Bennet Köper, Stürmer beim VfL Lohbrügge II, dem Sportgericht so: „Ich stand fünf Meter neben dem Schiedsrichter. Der Spieler nahm etwa zehn Meter Anlauf und traf ihn von hinten mit einem Ellenbogen-Schlag auf den oberen Rücken/Nackenbereich. Der Schiedsrichter ging zu Boden, ist aber relativ schnell wieder aufgestanden und hat abgepfiffen.“

Am nächsten Tag wieder gespielt

Die Härte der Attacke stand somit infrage. Hennig musste auf Nachfrage zugeben, dass er die Folgen des Schlags unterschätzt und mit Hilfe einer Kopfschmerztablette am nächsten Tag über volle 90 Minuten das Tor seines Kreisklasse-Teams SVNA II gehütet hatte. Erst danach sei er zum Arzt gegangen, wo eine Gehirnerschütterung diagnostiziert wurde.

Spieler und Offizielle von Einigkeit bestritten jedoch vehement, dass es überhaupt einen Schlag gegeben habe. Vielmehr unterstellten sie dem Referee Schauspielerei. „Wie Neymar“, sei er grundlos zu Boden gegangen, habe „nur auf die Situation gewartet“. Dabei verstrickten sich die zahlreichen, vom ESV Einigkeit als Zeugen benannten Spieler jedoch schnell in Widersprüche, wie Richter Christian Koops ihnen hinterher vorhielt. Mal behaupteten die Einigkeit-Spieler, der Referee sei gestoßen worden, dann wieder, es habe gar keine Berührung gegeben. Ein Spieler gab gar an, er habe beim Schiedsrichter gestanden, habe aber dann bei der Rudelbildung „die Gruppe und die Situation von etwas weiter weg vor mir gehabt“.

„Jemand erzählt hier eiskalt Lügen“

Schnell war für den neutralen Beobachter somit klar: Hier war eine Märchenstunde im Gange. Wolfgang Rußer, Beisitzer im HFV-Sportgericht, wurde es schließlich zu bunt. „Jemand erzählt hier eiskalt Lügen“, schimpfte er, „es wäre an der Zeit, die Hosen runterzulassen und zu seinem Fehlverhalten zu stehen.“

Der Appell verhallte ungehört. Das Sportgericht folgte schließlich der Darstellung von Köper und Referee Hennig und verhängte über den Einigkeit-Spieler, dessen Identität der Redaktion bekannt ist, eine Sperre von einem Jahr und die Auflage, einen Coolness-Tag zu absolvieren. Zudem bekam der ESV Einigkeit 150 Euro Geldstraße, und die abgebrochene Partie wurde mit 3:0 zugunsten des VfL Lohbrügge II gewertet.