Fussball

„Der Körper ist hier, die Seele in Syrien“

Dier ETSV Hamburg III: Für die Spieler ist die Mannschaft wie eine Familie.

Dier ETSV Hamburg III: Für die Spieler ist die Mannschaft wie eine Familie.

Foto: Thomas Rokos

Die dritte Mannschaft des ETSV Hamburg setzt sich ausschließlich aus Flüchtlingen zusammen. Die Spieler träumen von einem eigenen Verein.

Billwerder. Ein ungemütlicher Dezembersonntag auf der Sportanlage Ellernreihe in Bramfeld. Der Wind pfeift über den Platz, noch eine Viertelstunde bis zum Anstoß. Die Fußballer der dritten Mannschaft des ETSV Hamburg bereiten sich auf die letzte Partie des Jahres vor. Mostafa Ibou telefoniert noch schnell, Jwan Mustafa raucht seine Zigarette auf. Dann streifen sie sich ihre grünen Trikots über und machen sich warm. Es ist eine Partie der Kreisklasse B. Der Leistungsgedanke steht in dieser untersten Liga nicht ganz so weit oben. Wichtiger ist der Zusammenhalt in der Mannschaft. Und das gilt ganz besonders für die „Dritte“ vom Mittleren Landweg. Es ist eine Mannschaft, die sich ausschließlich aus Flüchtlingen zusammensetzt.

Auf dem Wappen, das die „Eisenbahner“ stolz auf ihren Jerseys tragen, ist ein Olivenzweig über einem Fußball zu sehen. Er repräsentiert die Heimat der meisten Spieler. Sie sind syrische Kurden aus der Gegend von Afrin. „Unser Olivenöl ist das beste“, erklärt Stürmer Mahmood Msto das Emblem voller Stolz. Der 26-Jährige ist der beste und torgefährlichste Spieler der Mannschaft. Er hat bereits für Dersimspor in der Landesliga gekickt.

Aktuell stehen 25 Treffer für ihn zu Buche. Damit ist er in der Kreisklasse B4 auf dem zweiten Platz der Torschützenliste. Gegen Bram­feld braucht er drei Minuten, um das 1:0 zu erzielen.

Vor etwa vier Jahren ist Msto nach Deutschland gekommen – wie die meisten seiner Mitspieler, die zunächst in der Flüchtlingsunterkunft Gleisdreieck in Billwerder gelebt haben. Msto wohnt mittlerweile in Ohe. Er spricht fließend Deutsch und macht eine Ausbildung. Der angehende Zahntechniker hat bereits in der 1. Liga Syriens für Afrin gespielt.

Seit dieser Saison im Ligabetrieb

Fußball in Deutschland war zunächst ein Zeitvertreib. Da die Flüchtlingsunterkunft neben der Sportanlage des ETSV Hamburg liegt, fragte Majed Hamo, der sich um das Organisatorische kümmert, bei den „Eisenbahnern“ nach Trainingsmöglichkeiten. Seit dieser Saison nimmt das Team am Ligabetrieb teil. Die Ausrüstung sponsert eine Pizzeria. Neben den Kurden aus Afrin spielen jeweils zwei Afghanen und zwei syrische Araber im Team. „Die Mannschaft ist wie eine Familie. Es ist außerdem wichtig, dass wir unsere Muttersprache nicht vergessen“, erklärt Manager Hamo.

Derweil erzielt Msto sein drittes Tor an diesem Tag. Die „kurdischen Eisenbahner“ gewinnen mit 4:2 und überwintern als Tabellenvierter. Das Ziel, der Aufstieg, ist noch möglich. Der Rückstand auf den Tabellenführer MSV Hamburg IV beträgt lediglich zwei Punkte.

Der Name steht: FC Afrin Kurd

Und dann berichtet Hamo, der in Billwerder auch eine Tanzgruppe auf die Beine gestellt hat, von seinem großen Traum: einem eigenen Verein. Der Name steht bereits: FC Afrin Kurd. Er soll allen Nationen offenstehen, betont der Manager. Denn: Mit einer baldigen Rückkehr nach Syrien rechnet hier niemand. Danach gefragt stellt der 24-jährige Hamo eine Gegenfrage: „Würden Sie in ein Deutschland zurückkehren, wie es nach dem Zweiten Weltkrieg ausgesehen hat? Unsere Heimat ist jetzt hier. Deutschland hat uns geholfen. Wir wollen etwas zurückgeben.“ Und Betreuer Kahraman Baker fügt beinah poetisch hinzu: „Der Körper ist hier, aber die Seele in Syrien.“

Lage dramatisch verschlechtert

Dann berichtet Manager Hamo von den Problemen in Syrien, wo seit 2011 Bürgerkrieg herrscht: „Es gibt keine Freiheit im Land, kein Strom. Wir Männer wurden gezwungen, in die Armee zu gehen.“ Als die Armee des Nachbarlandes Türkei vor fast genau zwei Jahren in Afrin einfiel und die Stadt einnahm, verschlechterte sich die Lage für die Zivilbevölkerung noch einmal dramatisch – besonders für die Kurden. Bis zu 250.000 Menschen sollen damals geflohen sein – wie auch viele Familienmitglieder von Mahmood Msto, die heute im Norden des Irak leben.

„Operation Olivenzweig“ hat der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan die Militäroffensive auf Afrin genannt. Was wie blanker Hohn klingt: Der Olivenzweig gilt als Friedenssymbol. Und er ist das Wahrzeichen der Menschen aus Afrin und seiner Fußballer.