Fussball

Attacken gegen Schiedsrichter: „Hemmschwelle ist gesunken“

Attacken gegen Schiedsrichter werden immer brutaler.

Attacken gegen Schiedsrichter werden immer brutaler.

Foto: Tim Groothuis / WITTERS

Der Hamburger Fußball-Verband plant Maßnahmen zum Schutz der Schiedsrichter. Schon nach der Winterpause könnte es soweit sein.

Bergedorf. Wieder hat es einen Angriff auf einen Schiedsrichter gegeben. Während der Partie der Fußball-Kreisklasse zwischen dem VfL Lohbrügge II und Einigkeit Wilhelmsburg II wurde der Unparteiische Pascal Hennig vom SV Nettelnburg/Allermöhe von einem Gästespieler zu Boden geschlagen. Der Angriff erfolgte von hinten, der Täter hatte zuvor die Gelb-Rote Karte gesehen. Hennig erlitt eine leichte Gehirnerschütterung. Die Partie wurde nach 70 Minuten abgebrochen. Derartige Vorfälle haben sich in den vergangenen Wochen gehäuft.

Tatort Münster. Beim Kreisligaspiel FSV Münster gegen den TV Semd wurde Ende Oktober der 22-jährige Referee bewusstlos geschlagen. Auch hier hatte der Übeltäter zuvor Gelb-Rot gesehen. Der Schiedsrichter wurde mit dem Rettungshubschrauber in eine Klinik geflogen. Das Sportgericht verhängte eine Sperre von drei Jahren.

Tatort Berlin. Nach 109 Vorfällen von Gewalt und Diskriminierung in Berlin, davon 53 gegen Unparteiische, streikten an einem Wochenende Ende Oktober alle „Schiris“ der Hauptstadt . Rund 1500 Spiele in den Amateur- und Jugendligen fielen aus.

Tatort Pampow (Landkreis Parchim). Nach dem Abpfiff der Oberligabegegnung zwischen dem MSV Pampow und Victoria Seelow am vergangenen Freitag wurde der Referee von einem „Anhänger“ der Gastgeber mit der Faust zu Boden geschlagen.

Anzahl der Spielabbrüche konstant

Einer der immer Stellung bezogen hat, wenn Schiedsrichter zu Schaden gekommen sind, ist Ralph Vollmers. „Die Attacken gegenüber ,Schiris’ werden immer brutaler und hemmungsloser“, sagt der Unparteiische des Düneberger SV. „Drago“ Vollmers ist in ganz Hamburg bekannt, wurde dreimal Schiedsrichter des Jahres der Hansestadt. Selbst Schiri-Obleute, sagt der 52-Jährige, äußern sich zuweilen verbal abfällig gegenüber Kollegen. Dies habe er am eigenen Leib erfahren müssen.

Damit sich etwas ändert, hat Vollmers einen besonders innovativen Vorschlag parat: „Spieler, die gegenüber Unparteiischen gewalttätig geworden sind, sollten dazu verpflichtet werden, einen Schiedsrichterschein zu machen. Erst wenn sie eine gewisse Zeit lang Fußballpartien gepfiffen haben, sollen sie selbst wieder als Spieler aufs Feld dürfen.“ Der „Kult-Schiri“ fordert zudem härtere Strafen.

42 Spielabbrüche in 2018

Die könnte es bereits geben, sagt Christian Koops. Laut den Statuten des Hamburger Fußball-Verbands ist es möglich, Spieler lebenslang zu sperren. Seit 2007 ist Koops Vorsitzender beim Sportgericht des HFV. Eine Zunahme von Attacken gegen Unparteiische hat er seitdem nicht festgesellt. Das belegt auch die Statistik. 2018 gab es im Hamburger Amateurfußball 42 Spielabbrüche. Drei Jahre zuvor waren es 50. Aber: „Die Hemmschwelle scheint gesunken zu sein“, sagt Carsten Byernetzki. Der stellvertretende Geschäftsführer des HFV verweist darauf, dass es beim Verband ein „Spielabbruch-Coachingteam“ gibt, das betroffene Vereine bei der Aufarbeitung unterstützt.

Aber auch der HFV hat eingesehen, dass das nicht reicht. Aktuell gibt eine Arbeitsgruppe, die sich mit Gewalt auf Fußballplätzen beschäftigt. Gut möglich, dass bereits nach der Winterpause Maßnahmen vorgestellt werden, um Schiedsrichter besser zu schützen.

Mittlerweile ist das Thema auch in der „großen“ Politik angekommen. Auf der Innenminister-Konferenz vom 4. bis 6. Dezember in Lübeck wird es auch um Gewalt im Amateurfußball gehen.