Fußball ganz unten

Die schwächsten Teams der Region im direkten Duell

Die Spieler des SC Vier- und Marschlande IV (in Rot) und vom Escheburger SV II klatschen sich ab.

Die Spieler des SC Vier- und Marschlande IV (in Rot) und vom Escheburger SV II klatschen sich ab.

Foto: BGZ

Kirchwerder. Kreisklasse B, Vorletzter gegen Letzter: Tiefer geht es nicht in Hamburgs Amateurfußball als beim Duell SCVM IV gegen Escheburg II.

Kirchwerder. Die Anspannung vor dem großen Spiel war kaum auszuhalten. „Am liebsten wäre ich schon früh morgens zum Platz gegangen“, klagt Pascal Reimers, Kapitän vom SC Vier- und Marschlande IV in der Fußball-Kreisklasse B. Nichts soll heute schiefgehen! Bis zum Treffpunkt zwei Stunden vor dem Spiel, so verrät seine Freundin Anna-Maria Temme, hat er sich dann aber geduldet.

Betrunken kommt hier keiner zum Spiel

Kreisklasse B. Tiefer geht es nicht in Hamburgs Amateurfußball. Darunter kommen nur noch die Freizeitligen, „wo die Spieler oft schon betrunken zum Spiel erscheinen“, wie SCVM-Trainer Mario Wittig erzählt. Das ist hier völlig anders. Zweimal pro Woche trainieren die Vier- und Marschländer, und wer sich auf der Mannschafts-App „Spieler plus“ nicht rechtzeitig fit meldet, ist draußen aus dem Kader. So wie Philipp Melitzki. Doch der schmollt nicht etwa, sondern macht nun als Platzsprecher gemeinsam mit seinen Kumpels Stimmung.

Der Kader ist groß, der Zusammenhalt riesig. Trotzdem ist der SCVM nur Vorletzter. Das Team ist jung und unerfahren, gerade erst dem Siebener-Feld in der A-Jugend entwachsen. Heute kommt Schlusslicht Escheburger SV II an den Zollenspieker. Das Kellerduell aller Kellerduelle. Für beide Teams ist es die goldene Möglichkeit, endlich mal wieder ein Spiel zu gewinnen, nachdem es in der Vorwoche mit 2:7 (Escheburg) und 0:9 (SCVM) wie so oft herbe Niederlagen gesetzt hat.

Ein Spieler kommt eine Minute vor dem Anstoß

Doch als sich alle für den Anstoß aufstellen, ist Escheburg noch gar nicht komplett. Bahri Musici kommt eilig herbei, in der einen Hand eine Banane, in der anderen ein Iso-Getränk. „Ich gehöre eigentlich gar nicht in diese Mannschaft, spiele sonst bei den Alten Herren“, zieht er sich schnell ein Trikot an, und los geht’s. Flexibilität ist Trumpf. Bis zuletzt hat Spielertrainer Tobias Wissner, der als Mittelstürmer aufläuft, an der Aufstellung gebastelt. Drei Leistungsträger sind verletzt, andere gehören zur Freiwilligen Feuerwehr. Dienstpläne schlagen da oft Spielpläne.

Trotzdem haben sie es immer irgendwie geschafft, ein Team auf den Rasen zu bringen. „Leider hat der Verband ja die Unteren Herren abgeschafft, wo es keinen Aufstieg und damit keinen Leistungsdruck gab“, klagt der Fußball-Abteilungsleiter Martin Böttcher. „Das wäre für diese Mannschaft genau das Richtige. Nun jedoch treffen wir oft auf Teams, die hoch wollen, und kassieren hohe Niederlagen. Das demotiviert.“ „Die Kreisklasse B ist auf Wunsch der großen Mehrheit der Vereine eingeführt worden“, entgegnet Carsten Byernetzki, Sprecher des Hamburger Fußball-Verbandes.

Verlierer Escheburg droht eine freudlose Saison

Auch das Kellerduell aller Kellerduelle ist eine klare Sache. Durch Tore von Tommy Adler (5.), Pascal Gerdes (30.), Enrico Wittig (38.), Pascal Reimers (68.) und Maurice Kahl (71.) siegen die jungen Himmelstürmer vom SCVM IV mit 5:0. Frustriert und erschöpft kommt ESV-Spielertrainer Wissner vom Feld. „Wir hatten uns so viel ausgerechnet“, klagt er. Jetzt könnte es eine freudlose Saison werden.

Für SCVM-Kapitän Pascal Reimers hingegen hat sich das frühe Aufstehen gelohnt. Mit einem fulminanten Schuss hat er das 4:0 erzielt. Freundin Anna-Maria Temme und ihr Vater Bernd Temme registrieren es mit Befriedigung. Heute müssen sie mal niemanden aufbauen. „Wenn er verloren hat, ist der Tag in der Regel gelaufen“, klagt sie. Nun jedoch steht noch eine Einladung zum Essen aus. Der Abend ist gerettet. „Auch wenn es in dieser Klasse um die Goldene Ananas geht, weil es keinen Abstieg gibt, schaue ich gerne zu. Die Jungs sind sehr motiviert, der Trainer macht das alles ehrenamtlich“, schwärmt Bernd Temme, der selbst bei den Supersenioren des SV Altengamme kickt und als Borussia-Dortmund-Fan eigentlich anderen Fußball gewohnt ist.

Freundschaft, Zusammenhalt, Miteinander – das zählt!

Doch die Plastik-Welt der Bundesliga ist hier endlos weit weg. Alles ist echt. Freundschaft, Zusammenhalt, Miteinander, darum geht es. „Was mich motiviert, sind die individuellen kleinen Fortschritte, die jeder Spieler macht“, erläutert SCVM-Coach Mario Wittig, „mein Linksverteidiger zum Beispiel hat vorher noch nie Fußball gespielt. Wenn ich beim Training die Spieler anschaue, dann schaue ich in glückliche Gesichter.“