Yamen Alikaj

Flüchtling kämpft als erster Bergedorfer bei Judo-Grand-Prix

Yamen Alikaj mit dem Hamburger Pokal.

Yamen Alikaj mit dem Hamburger Pokal.

Foto: Judo-Gemeinschaft Sachsenwald

Bergedorf. 2015 flüchtete Yamen Alikaj vor dem Krieg aus Syrien. Jetzt startet er für die Judo-Gemeinschaft Sachsenwald beim Grand Prix.

Bergedorf. Budapest. Das war einmal die Stadt aller Hoffnungen für Yamen Alikaj. Auf der Flucht vor dem Krieg aus Syrien hatte es ihn auf seiner abenteuerlichen Reise über die Balkan-Route bis in die ungarische Hauptstadt verschlagen. Dort ging es nicht weiter. „Eine Woche lang saß ich dort fest. Es ging kein Zug“, erinnert sich der 28-Jährige. Das Ziel, nach Deutschland zu kommen, schien plötzlich unendlich weit weg zu sein.

Auf der Flucht half in Budapest eine Familie

Doch in der Stunde der Not fand er Hilfe. „Eine Familie hat meinen Vater und mich damals aufgenommen“, schildert er, „so mussten wir nicht im Lager bleiben. Die Woche war eigentlich sehr schön.“ Dann war der Weg nach Deutschland frei, und Alikaj landete über das Auffanglager in Magdeburg 2016 schließlich in Bergedorf, wo er sich der Judo-Gemeinschaft Sachsenwald in der TSG Bergedorf anschloss.

Rückkehr nach Budapest als Athlet

Gestern kehrte Alikaj nach Budapest zurück. Aber nicht als Flüchtling, sondern als Athlet. Schon vor seiner Flucht gehörte der studierte Elektroingenieur zum Judo-Nationalteam Syriens. Nun wurde er von der Internationalen Judo-Federation IJF eingeladen, am Grand Prix teilzunehmen. Er ist damit der erste Sportler aus Bergedorf, dem es gelungen ist, an einem so hochkarätigen Wettbewerb, wo sich die gesamte Weltelite trifft, teilzunehmen. „GrandPrix, das ist das, wovon wir alle immer geträumt haben“, schwärmt sein Trainer Florian Hahn.

Zweimal Training pro Tag

In der Vorbereitung auf seinen großen Auftritt hat Alikaj sein Training intensiviert. „Früher habe ich je zweimal pro Woche Judo und Fitness gemacht“, schildert er, „mittlerweile trainiere ich zweimal am Tag.“ Trotzdem dürfte es für den 28-Jährigen, der seit zwei Jahren für das Hamburger Judo-Team in der 2. Bundesliga kämpft, schwer werden, in Budapest gegen die Weltelite zu bestehen. „Ich werde alles versuchen, zumindest einen Kampf zu gewinnen“, betont er, „aber bei so einem Weltturnier bekommt man auf jeden Fall Erfahrung.“ „Es wird sicher sehr schwer für ihn“, schätzt Hahn, „aber im Kampfsport hat der Außenseiter immer die Möglichkeit, den Kampf zu gewinnen.“

„Keiner der jubelnd durch die Halle rennt“

Drei Jahre ist es nun her, dass Alikaj zusammen mit einem Freund, dem Algerier Mohamed Agbir, beim Training der JGS-Judoka auftauchte. „Ich habe ihn dann sofort unter meine Fittiche genommen, weil ich gleich erkannt habe, was für ein Potenzial in ihm steckt“, erinnert sich Hahn, „es zeigte sich schnell, dass er was drauf hat. Zudem trug er ja auch schon den Schwarzgurt.“

Mit seiner ruhigen, zurückhaltenden Art kam Alikaj im Verein gut an. „Er ist sicher keiner, der jubelnd durch die Halle rennt“, betont Hahn“, „aber er hat dann sehr schnell unsere Jugendlichen trainiert und dann auch die Frauen, ohne dass es die geringsten Probleme gab. Er ist ein sehr offener Mensch, der mit allen sehr respektvoll umgeht.“

1100 Dollar für ein Boot nach Europa

Selbstverständlich war das nicht angesichts der Erfahrungen, die Alikaj gemacht hatte. In Aleppo hatte er jahrelang die Wirren des Krieges erlebt. „Das war schlimm dort, das ist nicht zu beschreiben“, betont er. Er floh in die Türkei, charterte dort für 1100 US-Dollar ein Boot nach Griechenland. Dann ging es mit dem Boot, im Zug und zu Fuß weiter durch Serbien und Ungarn bis zur glücklichen Ankunft in Deutschland.

Hier will er sich nun ein neues Leben aufbauen. „In Syrien hatte ich schon ein Studium als Elektroingenieur abgeschlossen, aber im Krieg ist das Zeugnis verloren gegangen, und jetzt wird mein Abschluss hier nicht anerkannt“, schildert er. So hofft er nun, hier einen Ausbildungsplatz in seiner Fachrichtung zu bekommen. „15 Bewerbungen habe ich schon abgeschickt, aber bislang nur Absagen bekommen.“

Die deutsche Sprache schon gelernt

Doch die Sprache hat er bereits gelernt („Sonst gehen in Deutschland keine Türen auf“), das hat ihm geholfen, über den Sport neue Freunde zu finden. Die werden nun mitfiebern, wenn im Internet über Livestream auf ippon.org die Kämpfe aus Budapest übertragen werden.

Doch ganz egal, mit welchem Erfolg Alikaj dort unter internationaler Flagge beim Grand Prix antritt. Eines ist jetzt schon sicher: Nach fünf Tagen geht für ihn und die anderen „internationalen“ Athleten der Flug zurück nach Deutschland. Dieses Mal ganz ohne Warten.