Holger Weitzel

Tausend Kilometer von Wolke zu Wolke

Es ist vollbracht: Holger Weitzel nach seinem 1000-Kilometer-Flug.

Es ist vollbracht: Holger Weitzel nach seinem 1000-Kilometer-Flug.

Foto: aufwind-luftbilder

Boberg. Ein 1000-Kilometer-Flug in unseren Breiten? Fast unmöglich. Holger Weitzel aus Neuallermöhe hat jahrelang auf den richtigen Tag gewartet.

Boberg.  Der Tausender ist der Olymp des Segelfliegens. Viele Piloten träumen davon, einmal ohne einen Tropfen Sprit über 1000 Kilometer weit in der Luft zu bleiben. Im Segelflug-Mekka Namibia ist der Neuallermöher Holger Weitzel vom Hamburger Verein für Luftfahrt im November bereits ein Tausender-Dreieck rund um Windhuk geflogen. „In Deutschland können wir bis zu 2000 Meter hoch steigen, in Namibia hingegen bis zu 5000 Meter. Dort ist der Luftdruck dann nur noch halb so groß wie am Boden“, erläutert Weitzel, warum es die Segelflieger nach Afrika zieht.

„So ein Flug war immer mein Traum“

Doch ein Tausender in unseren Breiten? Vom heimatlichen Segelflugplatz Boberg aus? Und dann auch noch frech als vorher angemeldeter Dreiecksflug mit festen Wendepunkten anstatt auf gut Glück? Fast ein Ding der Unmöglichkeit! Keine hundert Piloten in der deutschen Segelflug-Geschichte haben das geschafft. „So ein Flug war immer mein Traum“, betont Weitzel, „doch dafür braucht es einen perfekten Tag. Ich habe jahrelang auf einen Tausender-Tag gewartet.“ Der 62-Jährige betreibt das Segelfliegen bereits seit vier Jahrzehnten.

Auf der Wolkenstraße nach Osten

Vor eineinhalb Wochen, am Dienstag, den 7. Mai 2019, hat das Warten ein Ende. Die Sonne knallt von einem strahlend blauen Himmel. „Blauthermik“ nennen die Segelflieger das. Die Tage zuvor waren kalt und feucht. Die feuchte Luft über dem Boden erwärmt sich und steigt auf. Um 10 Uhr, als Weitzel in Boberg abhebt, beginnen sich die ersten Kumulus-Wolken zu bilden. Sie sind die Verbündeten der Segelflieger, denn sie zeigen den Piloten an, wo die beste Thermik herrscht.

Rasend schnell saust Weitzel auf der Wolkenstraße nach Osten. In nur zwei Stunden ist er an der Oder, überfliegt die Grenze nach Polen. Sein Ziel: der „Zauberwald“. Das ist ein etwa 100 Kilometer langes und 15 Kilometer breites Waldgebiet zwischen der Grenze und Posen, das jeder Segelflieger kennt. Beste Thermik. „Normalerweise steigt man mit einem Meter pro Sekunde. Über dem Zauberwald sind es sechs Meter pro Sekunde. Das ist wie im Fahrstuhl“, schildert Weitzel. Nach 425 Kilometern erreicht er seinen ersten Wendepunkt.

Plötzlich sinkt das Segelflugzeug

Nun geht es mit Kurs Südwest in Richtung Torgau an der Elbe, einer 20.000-Einwohner-Stadt in Sachsen. Als der 62-Jährige in Boberg losgeflogen ist, hat es dort noch geregnet. Null Thermik. Doch seine jahrelange Erfahrung zahlt sich aus: Das Wetter reißt rechtzeitig auf. Trotzdem wird es schwieriger, die „Barte“ – so nennen die Segelflieger die Kumuluswolken – seltener. Auch wenn es vom Boden aus nicht so aussieht: Jedes Segelflugzeug, das sich nicht in der Thermik befindet, sinkt. Bei Weitzels Schleicher ASH 31 Mi sind es bescheidene 47 Zentimeter pro Sekunde. Doch auch die addieren sich auf die Dauer. Immer wieder muss Weitzel „kurbeln“, also in den seltenen Thermik-Zonen durch langsames Kreisen neue Höhe gewinnen. Das kostet Zeit und Nerven. Über Torgau ist er nur noch 500 Meter hoch. Was tun?

Greifvögel als Wegweiser

„Wenn gar nichts mehr hilft, muss man rausgucken und schauen, wo die Greifvögel sind“, erläutert Weitzel, „Adler und Bussard wissen immer, wo Thermik ist, aber auch an Schwalben und Mauerseglern kann man sich orientieren.“ Mit Hilfe seiner gefiederten Verbündeten befreit sich der Neuallermöher aus seiner misslichen Lage, schafft es schließlich wohlbehalten zurück nach Boberg. Sein erster Tausender in der Heimat ist vollbracht – an einem perfekten Tag, auf den er jahrelang hingefiebert hat.