Kaum Nachwuchs

Im Handball mangelt es stark an Schiedsrichtern

Löbliche Ausnahme: Glenn Collin Einfeld (l.) und  Marek Warmbold vom VfL Gesthacht haben Spaß an der Schiedsrichterei.

Löbliche Ausnahme: Glenn Collin Einfeld (l.) und Marek Warmbold vom VfL Gesthacht haben Spaß an der Schiedsrichterei.

Foto: Hanno Bode / BGZ/Hanno Bode

Geesthacht. In Lauenburg/Stormarn wird jedes zweite Spiel von einem Referee gepfiffen, der 45 Jahre oder älter ist. Nachwuchs fehlt.

Der Terminplan von Glenn Collin Einfeld und Marek Warmbold ist an diesem Tag eng getaktet. In zwei Stunden sollen die beiden 14 Jahre alten Handball-Referees des VfL Geesthacht die B-Jugend-Partie der Süd/Ostsee-Klasse zwischen dem TuS Aumühle-Wohltorf und der HSG Büchen-Siebeneichen leiten. Bereits jetzt stehen sie auf der Platte. Allerdings nicht in Aumühle, sondern in der Sporthalle des Otto-Hahn-Gymnasiums in Geesthacht, wo die D-Jugend des VfL gerade ein Trainingsspiel bestreitet. „Sie sollen sich warmpfeifen“, erklärt Thomas Schliemann, der Schiedsrichter-Obmann des Vereins. Der 64-Jährige investiert viel Zeit und Herzblut, um die Nachwuchs-Unparteiischen des Klubs zu fördern und zu unterstützen. Denn aus seiner langjährigen Erfahrung weiß er, dass viele junge Referees aus verschiedenen Gründen rasch wieder die Lust an der Pfeiferei verlieren. Die Konsequenz: akuter Schiedsrichter-Mangel.

120 Gespanne fehlen allein in Schleswig-Holstein

„Die Lage ist dramatisch. Auf schleswig-holsteinischer Landesebene fehlen 120 Gespanne“, erklärt Schliemann. Leidtragende dieses seit Jahren existierenden Problems seien die unterklassigen Vereine, sagt der VfL-Obmann: „Bis zur Dritten Liga ist alles in Ordnung. Aber je weiter man runter kommt, desto schlimmer wird es dann – auch was die Leistung angeht.“

Schliemann sitzt nun mit Glenn Collin und Marek auf einer Bank der Heinrich-Willers-Halle in Aumühle. Eigentlich sollte die Partie des TuS gegen Büchen/Siebeneichen längst laufen. Doch der Gast musste kurzfristig absagen, weil er keine Mannschaft zusammenbekommen hat. Nicht nur der Schiedsrichter-Gilde mangelt es an Personal, sondern auch vielen Handball-Vereinen, was sich in einer steigenden Zahl von Spielgemeinschaften widerspiegelt. „Es gibt Teams, für die ist es schon gut, wenn sie sieben Spieler aufs Parkett bekommen“, erzählt Schliemann.

Glenn Collin und Marek kennen das Phänomen. Sie gehen mit der C-Jugend des VfL auf Punktejagd und sind zudem seit dieser Saison als Schiedsrichter für den Klub im Einsatz. „Handball macht uns einfach Spaß“, sagen sie unisono. Acht Partien und zwei Turniere haben die 14-Jährigen bisher gemeinsam geleitet. Pro Einsatz erhält jeder von ihnen vom Verband eine Aufwandsentschädigung von 20 Euro sowie 30 Cent pro gefahrenen Kilometer. Ein nettes Taschengeld für die Teenager, das zudem durch eine „Anerkennungsprämie“ vom VfL etwas angehoben wird. „Sonst würde es gar nicht mehr gehen“, sagt Schliemann. Er spricht damit auf die Abwerbungsversuche von Schiedsrichtern durch Mitkonkurrenten an. Das ist gängig im Amateur-Handball. Denn wenn ein Verein nicht genügend Referees stellen kann, muss er teils empfindliche Strafen zahlen. Um die Dienste von vereinslosen Unparteiischen werde sich daher geradezu „geprügelt“, schildert der 64-Jährige.

Die „Alten“ müssen die Kohlen aus dem Feuer holen

Die Gründe für den Mangel an Spielleitern sind mannigfaltig. Da ist zum einen das seit Jahren wachsende Freizeitangebot, das gerade viele Jugendliche davon abhält, zur Pfeife zu greifen. Viele der 18- bis 25-jährigen Schiedsrichter hören zudem aus privaten oder beruflichen Gründen auf oder pausieren. Die „Alten“ müssen dann die Kohlen aus dem Feuer holen, wie eine Statistik der Handballgemeinschaft Lauenburg/Stormarn zeigt. 47 Prozent der Spiele der vergangenen Saison wurden von Referees geleitet, die 45 Jahre oder älter waren.

Mit modifizierten Ausbildungs- und Wiedereinstiegsprogrammen wird nun versucht, Schiedsrichter hinzu- oder zurückzugewinnen. Eine Maßnahme der Handballgemeinschaft Lauenburg/Stormarn ist dabei, dass junge Unparteiische in ihren ersten Spielen von einem „Paten“, einem erfahrenen Referee, begleitet und betreut werden. Dieser soll auch im Konfliktfall eingreifen und deeskalieren. Denn gerade in den unteren Ligen und im Jugendbereich kommt es immer wieder zu Pöbeleien von Zuschauern. „Schlimm“ sei das zuweilen, erzählt Schliemann.

Schon 14-Jährige dürfen Erwachsenen-Spiele pfeifen

„Wir haben das aber noch nicht erlebt“, sagen Glenn Collin und Marek. „Das kommt aber auch, weil sie für ihr junges Alter gut pfeifen“, lobt Schliemann sogleich. Theoretisch könnten die beiden 14-Jährigen bereits Erwachsenen-Spiele leiten. Das aber möchte Schliemann noch verhindern: „Ich will sie nicht verbrennen. Dann verlieren sie schnell die Lust.“ Davon sind beide derzeit aber noch weit entfernt. Am Tag nach der ausgefallenen Aumühle-Partie sind sie schon wieder im Einsatz – bei der weiblichen D-Jugend.