HANDBALL-WM

Fußball-Trainer beeindruckt: „Handballer diskutieren nicht!“

Deutschland entdeckt die Liebe zu einer Sportart – Doch was bleibt davon hängen?

Deutschland entdeckt die Liebe zu einer Sportart – Doch was bleibt davon hängen?

Foto: Federico Gambarini / dpa

Bergedorf. Härter und doch fairer: Deutschland entdeckt die Liebe zu einer Sportart – Doch was bleibt davon hängen?

Das Restaurant des „East“ steht für eine äußerst delikate Küche in edlem Ambiente bei gepfefferten Preisen. Tatsächlich war jeder Bissen meines Entrecotes sein Geld wert. Doch der Besuch wird mir nicht nur wegen der kulinarischen Leckerbissen länger im Gedächtnis bleiben. Denn auf einmal marschierte eine Truppe von überwiegend sehr großgewachsenen Mittzwanzigern an uns vorbei. „Sehen aus wie Handballer“, sagt die Frau an meiner Seite, ohne zu diesem Zeitpunkt jemals ein Handballspiel gesehen zu haben.

Ich gucke jetzt genauer hin. Der sieht tatsächlich aus wie Silvio Heinevetter, nur ohne Stirnband. Und ist der Typ neben ihm nicht Andreas Wolff? Klarer Fall: Die deutsche Handball-Nationalmannschaft weiß auch, wo es schmeckt. Es war der Tag vor dem letzten WM-Vorbereitungsspiel in Kiel gegen Argentinien. Und jetzt sind Heinevetter, Wolff und Co. wieder in Hamburg. Heute ab 20.30 Uhr geht es gegen Norwegen um den Einzug ins Finale.

Große Handball-Euphorie

Handball ist plötzlich ein großes Thema in Deutschland. „Man spricht mit Leuten darüber, die sich sonst nicht für unseren Sport interessieren“, weiß Arne Schneider. Er trainiert die 1. Herren des TuS Aumühle-Wohltorf. Auch die Landesverbände haben reagiert. Sollte Deutschland am Sonntag um Bronze spielen, ruht der Handballsport in Hamburg ab 12 Uhr. Erreicht das Team von Trainer Christian Prokop das Finale, ist ab 15 Uhr Schluss. In Schleswig-Holstein können die Vereine ihre Spiele vom Wochenende kostenfrei verlegen.

Dass die Aufritte der Nationalmannschaft einen Boom auslösen, damit rechnet Schneider indes nicht. „Fußball greift zu viel ab. Im Handball gibt es zu wenig Geld“, sagt der TuS-Coach. Nicht ganz so krass sieht es Tim Aldenhövel. „Als wir 2007 zuletzt Weltmeister wurden, haben viele mit einem Boom gerechnet. Der blieb aus, weil der Sport noch nicht so professionell aufgestellt war. Da sind wir heute weiter, vor allem digital. Es liegt jetzt an den Vereinen, den Sport zu vermitteln“, weiß der „Mann für alles“ beim TuS.

Die Chancen scheinen tatsächlich nicht schlecht zu stehen. Als die SG Glinde/Reinbek am Tag des WM-Spiels gegen Brasilien zu einem Tag der offenen Tür einlud, kamen 90 Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren in die Halle Theodor-Storm-Straße. „Das war ein voller Erfolg. Mit so einem Zulauf hatten wir nicht gerechnet“, berichtet Mona Kutscha. „Und von den Kindern, die zum ersten Mal bei uns waren, sind viele wiedergekommen“, sagt die Jugend-Trainerin und stellvertretende Vorsitzende der Spielgemeinschaft aus Stormarn.

Handball contra Fußball. Für Kutscha ist die Fairness in ihrer Sportart das größte Plus: „Das ist eine absolute Kernkompetenz.“ Auch Sven Schneppel ist der Meinung, dass andere Sportarten viel von den Handballern lernen können. „Wir Fußballer sind echt mimosenhaft. Kein Fußballer würde ein Handballspiel überleben“, sagt der Trainer des Landesligisten VfL Lohbrügge und fügt noch hinzu: „Handballer diskutieren nicht!“

1500 Euro für drei Karten

Einig sind sich alle über die viel zu hohen Eintrittspreise für die beiden Halbfinals. Die günstigsten Tickets lagen bei rund 100 Euro. Alen Brandic hatte sich drei VIP-Tickets gesichert. Natürlich spekulierte der Fußball-Torhüter des VfL Lohbrügge darauf, dass Kroatien, sein Heimatland, es in die Vorschlussrunde schaffen würde. Brandic hätte sich auch Deutschland angeschaut, seine beiden Kollegen wollten nicht. Die Karten hat er daraufhin verkauft: für insgesamt 1500 Euro.

Live in der Barclaycard Arena wird hingegen Aumühles Trainer Schneider sein. Der 32-Jährige hat mit seinem Bruder zusammen drei Tickets gekauft und den Vater zum Halbfinale eingeladen, der nun aus Berlin anreist. Wieviel der TuS-Coach gezahlt hat, will er nicht verraten. Nur soviel: „Es waren weniger als 1500 Euro.“ Schwarzhändler rund um die Arena dürften heute jedenfalls ein gutes Geschäft machen. Denn Karten sind begehrt: Stefan Kretzschmar, früherer Nationalspieler und FernsehHandball-Experte, sah sich genötigt, via Facebook zu verkünden: „Nein. Ich habe keine Tickets mehr für morgen.“

Die habe ich auch nicht, aber das macht nichts. Ich werde mir das Spiel gemütlich vom Sofa aus anschauen. Zusammen mit der Frau an meiner Seite. Denn die hat sich mittlerweile von der Euphorie anstecken lassen und jede Partie mit mir am Fernseher verfolgt.