Dassendorf.

Alles HSV oder was?

Fussball-Rückblick Das unglaubliche Jahr der TuS Dassendorf

Dassendorf.  Er war am 12. Mai um 17.36 Uhr, jener Moment, der das Fußballjahr 2018 definierte. Der letzte Dinosaurier der Fußball-Bundesliga, der Hamburger SV, war abgestiegen. Mit einer Mischung aus Fassungslosigkeit, Schadenfreude und Entsetzen schaute Fußball-Deutschland damals zum Volksparkstadion.

52 Tage später, am 4. Juli, der Neustart ausgerechnet an den Sander Tannen in Bergedorf. Mit so bekannten Namen wie Pierre-Michel Lasogga, Jann Fiete Arp, Douglas Santos, Tatsuya Ito oder Torhüter Julian Pollersbeck trat der HSV zum ersten ernsthaften Test gegen jene Mannschaft an, die in der Hamburger Oberliga ihresgleichen sucht: die TuS Dassendorf.

Für die Blau-Weißen war dieses Spiel die Belohnung für eine formidable Saison, für die kein Superlativ zu groß zu sein scheint und die alles bisher Dagewesene in der Vereinsgeschichte übertrifft. 17 Spiele, 17 Siege in der Hinrunde, in der Rückrunde kamen noch einmal 15 hinzu. Das addierte sich auf unfassbare 96 Punkte (von 102 möglichen) – ein Rekord für die Ewigkeit.

Es war der fünfte Meistertitel in Folge, und anders als in den Vorjahren blieb es nicht dabei. Durch einen 2:0-Erfolg im Oddset-Pokalfinale gegen den Niendorfer TSV holten die Dassendorfer das Double. Matchwinner vor 4183 Zuschauern an der Hoheluft war ausgerechnet Innenverteidiger Jeremy Karikari, der mit einem gebrochenen Arm ein halbes Jahr lang ausgefallen war. „Solche Geschichten schreibt nur der Fußball“, freute sich TuS-Coach Peter Martens, der gemeinsam mit seinem kongenialen Trainerkollegen Thomas Hoffmann das Team geformt hatte. Schade, dass beide im Sommer ihre Karriere beendet haben, ebenso wie „Urgestein“ Torsten Henke beim Liga-Rivalen SV Curslack-Neuengamme. Prägende Figuren des Heimatfußballs, die fehlen werden.

Charmeoffensive der Stars

Doch was würden die Dassendorfer gegen die HSV-Profis ausrichten können? Es war ein Fußballfest, wie es das Heimatgebiet seit vielen Jahren nicht mehr gesehen hatte. 3500 Fans verwandelten die Sander Tannen in ein Volksfest (Trainer Christian Titz: „eine phänomenalen Kulisse“), und die HSV-Profis vertrieben mit einer Charmeoffensive die düsteren Schatten der Vergangenheit. Eine Stunde lang hielt die TuS gut mit (0:3), dann wurde es doch noch deutlich (0:10), aber zumindest gab es für die Dassendorfer ein Lob von HSV-Jungstar Jann Fiete Arp: „Keine schlechte Truppe habt ihr!“

Was die TuS dann beim mit 0:1 nur knapp verlorenen DFB-Pokalspiel am 18. August gegen den MSV Duisburg bewies. Es spricht sehr für die Dassendorfer, dass sie auch für dieses Spiel wieder die Sander Tannen ausgewählt hatten, obwohl der DFB die gesamte Haupttribüne wegen Baufälligkeit gesperrt hatte. Ein starkes Bekenntnis zum Heimatgebiet, denn sie hätten es in Lübeck mit der Austragung viel leichter gehabt. Nur dank zweier Zusatztribünen passten wieder 3500 Zuschauer hinein, darunter knapp 1000 Fans aus Bergedorf.

Und der HSV? Der verlor gegen Kiel, entließ (na, klar!) den Trainer, und verlor gegen Kiel. Manche Dinge sind scheinbar halt so unveränderlich wie die Dassendorfer Dominanz im Hamburger Amateurfußball.