Virtuelle Welten

Großverein TSG Bergedorf setzt künftig auch auf E-Sport

Massenphänomen E-Sport: Hier ein Bild vom WM-Finale 2017 im Computerspiel „League of Legends“ in der Berliner Mercedes-Benz-Arena.

Massenphänomen E-Sport: Hier ein Bild vom WM-Finale 2017 im Computerspiel „League of Legends“ in der Berliner Mercedes-Benz-Arena.

Foto: Paul Zinken / picture alliance / Paul Zinken/d

Bergedorf. Die TSG Bergedorf wagt den Sprung in virtuelle Welten. Sie will künftig Videospiel-Training anbieten und ein Team bilden.

Im Januar steht bei der TSG Bergedorf wieder die traditionelle Ehrung der Sportler des Jahres an. Leichtathleten, Triathleten, Badminton-Spieler, Fechterinnen, Judoka, Basketballer, Cheerleaderinnen und Inline-Skaterhockeyspieler stehen zur Wahl. Das zeigt die große Bandbreite des 11.000-Mitglieder-Vereins. Ihnen allen ist eines gemeinsam: Jeder hat viele Schweißperlen vergossen, um Titel und persönliche Bestleistungen zu erreichen. In ein paar Jahren könnte an ihrer Seite ein Computerspieler stehen, der in virtuellen Welten seine Triumphe errungen hat.

Denn die TSG Bergedorf plant nun ganz konkret den Einstieg in den E-Sport. „Ob ein Vertreter des E-Sports die Sportlerwahl gewinnen würde, weiß ich nicht, aber dass er nominiert werden würde, ist absolut denkbar“, sagt der stellvertretende TSG-Vorsitzende Thorsten Wetter. Vorgesehen ist ein offenes Angebot im Jugendzentrum „Juzena“ in Neuallermöhe-West (Sophie-Schoop-Weg). „Dort gibt es einen ehemaligen Computerraum, der nicht mehr benutzt wird. Nur die Hardware fehlt uns noch“, schildert Wetter, „Gespräche mit potenziellen Übungsleitern werden im Januar geführt.“

Tricks vom E-Sport-Trainer

„Übungsleiter“ – sicher ein gewöhnungsbedürftiger Ausdruck für viele Computerspieler, aber genauso ist es gedacht. „Wir planen Trainingssessions, in denen ein E-Sport-Coach den Leuten Tricks zeigt“, betont Wetter, „außerdem wird es die Möglichkeit geben, ein bisschen zu basteln. Das Ganze wird eine starke soziale Komponente haben.“

Die TSG-E-Sportler sollen dann in Sportsimulationen wie „Fifa“ (Fußball) oder „NBA 2K“ (Basketball) als Team gegen die Mannschaften anderer Vereine antreten. Vergleichbare Bestrebungen gibt es beispielsweise auch im Eimsbütteler TV und SV Eidelstedt. „Das Training und das Wir-Gefühl als Team, das ist der Mehrwert, den der Verein bietet. Das kann man allein zu Hause im Keller nicht erleben“, schwärmt Wetter.

Das Interesse der Klubs kommt nicht von ungefähr.
E-Sport ist ein Boom-Markt. Jedem dritten Internetnutzer in Deutschland ist der Begriff „E-Sport“ bereits geläufig. Was die wirtschaftliche Bedeutung angeht, haben die virtuellen Welten Kinos und Film-DVDs längst abgehängt. 655 Millionen US-Dollar Umsatz machte die Videospiel-Branche 2017 weltweit. Bis zum Jahr 2021, prognostizieren Marktforscher, wird sich das auf 1,65 Milliarden Dollar pro Jahr fast verdreifachen.

„Wir bewegen Bergedorf“ – An der Konsole?

Das TSG-Engagement erstreckt sich laut Vorstandsbeschluss zunächst einmal nur auf Sportsimulationen. „Doch das sind vielleicht sechs, sieben Prozent des Marktes“, betont Wetter, „ich wäre dafür, das zu erweitern, aber nur auf Spiele, in denen kein Blut spritzt.“ Im Oktober besuchte der stellvertretende TSG-Vorsitzende das Dota 2-Festival (siehe Info-Kasten), ein riesiges E-Sport-Event, und war begeistert. „Schon früh am Nachmittag war die Barclaycard Arena zu zwei Dritteln gefüllt“, schwärmt Wetter, „es war eine angenehme, überhaupt nicht aggressive Stimmung. Und die Topleute entsprechen ohnehin nicht dem Klischee des Chips essenden Spielers. Wer Leistung bringen will, muss topfit sein.“ Leistung, die sich lohnt: Die besten E-Sportler der Welt sind längst Millionäre.

Ob E-Sportler als Sportler gelten dürfen, ist umstritten (siehe Info-Kasten). Passen sie also in einen Sportverein? „Wir bewegen Bergedorf“, lautet das Motto der TSG. An der Konsole? „Das ist für mich überhaupt kein Widerspruch“, betont Wetter, „so ein offenes Angebot ist ja auch die Chance, passionierten Computerspielern den Spaß an sportlicher Bewegung näher zu bringen. Wir haben die Wahl, den Spielern entweder etwas anzubieten, oder sie im Keller sitzen zu lassen.“

Und wer weiß: Vielleicht schafft es dann ja tatsächlich jemand aus dem Keller zur Wahl des „TSG-Sportlers des Jahres“.