Motorsport

50. Todestag: Jochen Rindt war der erste Formel-1-Popstar

Stach in der Formel 1 aus der Masse heraus: Jochen Rindt.

Stach in der Formel 1 aus der Masse heraus: Jochen Rindt.

Foto: dpa

An diesem Samstag vor 50 Jahren verunglückte Jochen Rindt in Monza tödlich. Der exzentrische Formel-1-Pilot wurde zur Legende.

Der Mann, der am Jahresende Weltmeister werden wird, sitzt gern mal im Nerzmantel an der Box. Manchmal liest er auch oben ohne im „Playboy“. Die Rede ist vor dem Großen Preis von Italien am Sonntag (15.10 Uhr/RTL und Sky) in Monza aber nicht etwa von Lewis Hamilton. Sondern von Jochen Rindt im Jahr 1970. Er war es, mit dem die Ära der exzentrischen Rennfahrer so richtig begann.

Vor 50 Jahren, am 5. September 1970, verlor er sein Leben im Autodromo – und wurde am Ende der Saison doch zum Weltmeister gekürt. Er ist der einzige Formel-1-Champion der Geschichte, dem der Titel posthum verliehen wurde.

Jochen Rindt stach aus der Masse heraus

Als gebürtiger Mainzer war Rindt auch der erste deutsche Weltmeister in der Königsklasse. Vor allem aber war er ein Rebell. Und ein Popstar. Er startete bei 62 Grand-Prix-Rennen, gewann sechs und ist bis heute eine Legende. Woran das liegt? Wohl kaum an der Nase, so kantig wie die Rennwagen damals. Eher ist es die Sehnsucht nach Typen, die aus der Masse der Rennfahrer herausstechen. Die nicht bloß am Limit leben, sondern gern auch mal darüber hinaus schießen. Rindt sagte mal: „Da keiner von uns weiß, wie lange er lebt, müssen wir versuchen, möglichst viel aus unserem Leben herauszuholen und möglichst keine Zeit zu verschwenden. Jede Minute des Tages ist wertvoll.“

Die Eltern von Karl Jochen Rindt kamen 1943 bei einem Bombenangriff auf Hamburg ums Leben. Vollwaise Jochen wurde zu den Eltern seiner österreichischen Mutter nach Graz evakuiert, wo er aufwuchs und den Motorsport für sich entdeckte. 1969 verpflichtete ihn der legendäre Konstrukteur Colin Chapman. Ein Seelenverwandter: exzentrisch, wagemutig, lebensbejahend. Die Lotus-Rennwagen waren häufig genial, oft aber zu fragil. Die Angst vor einem Crash fuhr immer mit, Rindt machte deshalb die Sicherheitsgurte nie richtig zu – um bei einem Feuerunfall nicht bewegungsunfähig zu sein.

Das wurde ihm im Herbst 1970 zum Verhängnis. Oder hat er das Schicksal heraufbeschworen? Es gibt da dieses Zitat von ihm: „Entweder ich sterbe in diesem Auto, oder ich werde damit Weltmeister.“ Wer konnte ahnen, dass sich beides erfüllen sollte?

Ein Draufgänger, kein Hallodri

Jochen Rindt war ein Draufgänger, aber kein Hallodri. Er kümmerte sich um vieles und konnte sich gut verkaufen, Bernie Ecclestone wurde sein Mentor. Helmut Marko, der heutige Motorsportberater von Red Bull, erinnert sich an den Freund: „Extreme Fahrzeugbeherrschung, extremer Mut.“

Den Wunsch von Gattin Nina, schon mit 28 Jahren Schluss zu machen mit der aktiven Karriere, so nah am großen Triumph, ignorierte Jochen Rindt immer wieder. Die Finnin pflegt heute zusammen mit Tochter Natascha (1968 geboren) die Website von Jochen Rindt. Der Titel seiner Biografie lautet schlicht: „Der Wilde.“

Am 5. September 1970 war das Zeittraining zum Großen Preis von Italien angesagt, dem zehnten von 13 WM-Läufen. Fünf Rennen hatte Jochen Rindt bis dahin gewonnen, sein größter Widersacher war der Belgier Jacky Ickx im Ferrari, der ausgerechnet in Österreich einen Sieg einfahren konnte. Jochen Rindt befand sich in Hochform, schritt lässig durch die Boxengasse, ging zu seiner Frau, die mit der Stoppuhr an der Boxenmauer saß. Dann begab er sich auf Zeitenjagd. Auf dieser Hochgeschwindigkeitspiste hatte Rindts Idol Graf Berghe von Trips 1961 sein Leben gelassen.

Nina Rindt merkte, dass etwas passiert war

Bei der Anfahrt zum Parabolica-Bogen wurde der Lotus 72 in der Bremszone plötzlich unruhig. Zuerst zuckte das überragende Auto der Saison nach links, dann nach rechts und dann wieder nach links – und schob sich schließlich begünstigt durch seine Keilform mit vollem Tempo unter die Leitplanken. Nina Rindt merkte beim Blick auf die Rundentabelle sofort, dass etwas passiert sein musste.

Plötzlich verstummten alle Motoren, die Autos kamen zurück an die Box. Bernie Ecclestone rannte Richtung Kurve. Als der spätere Formel-1-Chef zurückkam, sagte der blutverschmierte weiße Helm in seiner Hand alles. Jochen Rindt war tot. Eine Hauptschlagader und die Luftröhre waren von der scharfen Kante am Armaturenbrett durchtrennt worden. Unfallursache soll eine gebrochene Bremswelle vorn gewesen sein.

Österreich war in tiefer Trauer

Bis zum Ende des Jahres kam Jacky Ickx nur bis auf fünf Punkte an die 45 Zähler von Rindt heran. Witwe Nina nahm den WM-Pokal entgegen. Sie sagte: „Das Einzige, was Jochen in seinem Leben wirklich gewollt hat, war Weltmeister in der Formel 1 zu werden. Traurig, dass er es nie erfahren konnte.“

In Österreich herrschte eine Art Staatstrauer. Die Alpennation hatte Rindt adoptiert, in ihm ein Idol gefunden. In diesem Jahr sollten nun in Graz viele Feierlichkeiten stattfinden, sie wurden coronabedingt auf 2021 verschoben. Nur eine Straßenbahn ist zu seinen Ehren seit dieser Woche in der Hauptstadt der Steiermark unterwegs, eingeweiht von Rindts Halbbruder. Sie wird auch am Jochen-Rindt-Platz Halt machen. Die Erinnerung stirbt nie.