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Formel 1: Hamilton siegt auf drei Reifen − Vettel Zehnter

Kurioser Heimsieg: Mercedes-Pilot fuhr in Silverstone mit drei Reifen über die Ziellinie.

Kurioser Heimsieg: Mercedes-Pilot fuhr in Silverstone mit drei Reifen über die Ziellinie.

Foto: ANDREW BOYERS / AFP

Lewis Hamilton gewinnt ein am Ende dramatisches Rennen in Silverstone. Sebastian Vettel und Nico Hülkenberg erleben ein Debakel.

Silverstone. In den letzten beiden Runden wird das bisher langweiligste Rennen der Formel-1-Saison zu einem grandiosen Drama: Erst platzt beim Finnen Valtteri Bottas der linke Vorderreifen, dann auch bei Lewis Hamilton. Der zu erwartende Mercedes-Triumph beim Großen Preis von Großbritannien droht zur Nullnummer zu werden. Doch der Titelverteidiger rettet das havarierte Auto gerade noch vor dem Red-Bull-Piloten Max Verstappen ins Ziel – und Charles Leclerc staubt im chancenlosen Ferrari den dritten Rang ab. Sebastian Vettel bleibt durch das Reifen-Chaos noch der Ehrenpunkt. Nico Hülkenberg hingegen konnte gar nicht an den Start gehen.

Für Hamilton ist es der siebte Erfolg bei seinem Heimat-Grand-Prix. Als er aus seinem schwarzen Auto steigt, fasst er sich mit beiden Händen an den Helm: „Das war eng.“ Vom Mercedes-Kommandostand, wo man sich trotz der beunruhigenden Meldungen aus den Cockpits über Vibrationen zur Risiko-Taktik entschieden hatte, entweicht der Druck in ein gebrülltes Kompliment: „Du hast es tatsächlich geschafft!“ Eine halbe Runde hat der Ausnahme-Fahrer sein Auto um den schnellen Kurs schleppen müssen, gejagt von Max Verstappen, der gerade frische Pneus für die schnellste Runde geholt hatte. „Kann ich das gewinnen?“, fragt der Niederländer. Antwort: ja, aber nur fast. 5,8 Sekunden fehlen, das sind etwa 400 Meter. Hätte er den Extra-Stopp für den Extra-Punkt nicht gemacht, wäre er zum Sieger geworden. Was für ein Pech. „Ich bin glücklich und unglücklich zu gleich“, sagt Verstappen, der am Ende noch einen Rundenrekord aufstellt.

Hamilton: „Mir wäre fast das Herz stehen geblieben“

Hamilton, die Sieg-Maschine. Er schildert den entscheidenden Umlauf so: „Am Funk haben sie die Sekunden runtergezählt, mein Vorsprung wurde immer weniger. Ich habe einfach nur versucht, das Ding durch die Kurven zu bringen. Mir wäre fast das Herz stehen geblieben“, gesteht Hamilton nach seinem 87. Grand-Prix-Sieg, „so etwas habe ich noch nie erlebt.“ Dann kichert er ins Helmmikrofon: „Ich fand es ja irgendwie auch spannend.“ Mit 88 Zählern ist er jetzt klarer WM-Spitzenreiter vor Bottas (58) und Verstappen (53). Nach dem dritten Erfolg nacheinander fehlen ihm jetzt nur noch vier Siege auf Michael Schumachers Rekord von 91 Siegen – ausgerechnet in Monza könnte der Brite diesen egalisieren, falls es so weitergeht.Formel 1: Hamilton holt Pole − Enttäuschung für Vettel

Als die Ampeln ausgehen und Hamilton den Start gewinnt, ist für Hülkenberg schon alles vorbei. Aus dem Comeback des 32-Jährigen aus Emmerich wird nichts, da die Antriebseinheit an seinem Auto defekt ist. Racing Point bekommt den Wagen nicht flott und der Deutsche muss enttäuscht in der Garage aussteigen. Eigentlich sollte er für den mit dem Coronavirus infizierten Mexikaner Sergio Perez einspringen. Sollte Perez keine Freigabe durch die Ärzte erhalten, könnte der Deutsche beim zweiten Rennen in Mittelengland am kommenden Sonntag aber doch noch dabei sein.

Silberpfeile beim Heimspiel zu perfekt und zu überlegen

„Wir machen uns keine Freunde“, hat Mercedes-Teamchef Toto Wolff schon nach Hamiltons magischer Qualifikationsrunde geahnt, denn zu perfekt und zu überlegen sind die Silberpfeile auch bei ihrem Heimspiel – über eine Sekunde auf eine Runde, das ist tatsächlich eine eigene Liga. Alles andere als der vierte Sieg in Serie, der dritte für Hamilton, wäre eine Überraschung. Am Start kann Teamkollege Valtteri Bottas mit- und dagegenhalten, aber dann zieht der Brite wieder nach vorn und davon. Einen Crash, das weiß der Finne, muss er vermeiden.

Hätten die erwarteten 100.000 Zuschauer an die Strecke kommen dürfen, sie hätten sich abgesehen vom Nationalstolz auf den Sieger mehrheitlich gelangweilt – trotz zweier Safety-Car-Phasen. Was einmal mehr auch an Ferrari liegt. Charles Leclerc kann zwar seinen überraschenden vierten Platz aus der Qualifikation verteidigen, aber im Rennen kommt das Leistungs-Manko des SF 1000 deutlicher an den Tag. Leclerc kann nur lauern hinter Verstappen. Immerhin, das macht er gut und bringt ihn später aufs Podium.So kehrt die Formel 1 zu ihren Wurzeln zurück

Vettel wird zum Hinterbänkler degradiert

Sebastian Vettel hingegen stagniert weiter im Niemandsland, unter normalen Umständen hätte er es nicht in die Punkte geschafft. Zum Hinterbänkler degradiert, scheint ausgerechnet sein Auto wieder alle technischen Probleme anzuziehen. „Das war jetzt nicht das spaßigste Rennen, aber ich habe alles versucht, was ich kann. Irgendwie passten das Auto und ich nicht zusammen“, sagt der Heppenheimer. „Ich habe alle paar Runden den Fahrstil geändert, aber trotzdem kein Vertrauen ins Auto gefunden. Ich hatte Mühe, es auf der Strecke zu halten. Irgendwo ist grundlegend etwas faul – entweder bei mir oder im Auto. Wir müssen es jetzt nehmen, wie es kommt.“

Zehnter wird er nur, nachdem zum Schluss die Reifen bei Bottas und Carlos Sainz platzen. Gegen den noch einmal heranstürmenden Finnen rettet sich Vettel gerade noch über die Ziellinie. Zumindest ein Pünktchen gegen den zunehmenden Wochenend-Frust.