Interview

Hawaii-Sieger Kienle zu Ironman: „Wünsche mir Alternativen“

Szenen, die es für Sebastian Kienle wegen der Corona-Krise vorerst nicht geben wird: Triathlon-Rennen mit Fannähe.

Szenen, die es für Sebastian Kienle wegen der Corona-Krise vorerst nicht geben wird: Triathlon-Rennen mit Fannähe.

Foto: Joern Pollex / Getty Images for Ironman

Sebastian Kienle gewann 2014 die Ironman-WM auf Hawaii. Während der Corona-Pause blickt er auch auf die kritischen Seiten seines Sports.

Essen. Erstmals in der 43-jährigen Geschichte findet die legendäre Ironman-Weltmeisterschaft auf Hawaii nicht statt. Die Entscheidung hatten viele Triathleten bereits erwartet, dennoch ist die Absage folgenschwer. Auch für Sebastian Kienle. Der 36 Jahre alte Weltmeister von 2014 und ständige Titel-Favorit über die Konsequenzen der Renn-Absagen, notwendiges Geld von umstrittenen Sponsoren und die Titelchancen der deutschen Ausdauer-Dreikämpfer.

Herr Kienle, Sie haben sich vor einigen Wochen beim Radfahren das Schlüsselbein gebrochen. Wie geht es Ihnen jetzt?

Sebastian Kienle: Den Umständen entsprechend gut. Ich bin in meiner Karriere mehr als 150.000 Kilometer auf dem Rad gefahren. Die Wahrscheinlichkeit, dass es mich mal trifft, war also groß. Trotzdem habe ich mich über den Unfall geärgert. Andererseits treffen zwei schlechte Situationen aufeinander: Es gibt keine Rennen und ich bin verletzt. Minus mal minus ergibt damit plus (lacht).

Nach dem verletzungsbedingten Rennabbruch 2018 sind Sie im vergangenen Jahr WM-Dritter geworden. Was hat sich bei Ihnen verändert?

Es gab ein paar Aspekte. Der wichtigste war, dass ich meine Achillessehnen-Probleme in den Griff bekommen habe. Ich wollte meinem neuen Trainer Philipp Seipp die Möglichkeit geben, mit einem fitten Athleten zu arbeiten.

Gehört der Trainerwechsel auch zu den Aspekten?

Ja, allerdings bedeutet das nicht, dass ich mit meinem vorherigen Trainer keinen Erfolg hatte. Im Gegenteil: Unter Lubos Bilek wurde ich 2014 Weltmeister auf Hawaii und hatte in den meisten Rennen die Chance auf den Sieg. Jetzt ist anders, dass ich über das Jahr hinweg im Training viele Daten sammle, mehr Tests mache und häufiger eine Leistungsdiagnostik durchführe. Wenn man die Rennergebnisse in Relation zu diesen Daten setzt, bin ich aber eher hinter unseren Erwartungen geblieben.

Viele zählen Sie zu den Favoriten auf den WM-Titel. Sie sich auch?

Dazu muss erst wieder eine Weltmeisterschaft stattfinden. Aufgrund der Corona-Pandemie wäre aber derzeit, wenn überhaupt, nur eine Europameisterschaft möglich. Davon gehe ich in den kommenden acht bis zehn Monaten aus. In diesem Jahr ist die WM ausgefallen, damit ist eine Chance für mich dahin. Und ich bin leider aus dem Alter raus, in dem man in jedem Jahr besser wird. Trotzdem sehe ich mich als Mitfavorit. Solange Jan Frodeno aber diesen Sport betreibt, wird er erster Titel-Anwärter sein.

Frodeno sagt, er wolle zukünftig regionaler denken. Reizt es Sie, sich eines Tages mit ihm in der Provinz bei einem Volkstriathlon zu messen?

(lacht) Warum nicht? Ich mache es schon seit jeher und bin in meiner Region sehr verwurzelt. Dort gibt es schöne familiäre Wettkämpfe wie den Heidelberg-Man, bei dem ich auch in Zukunft wieder starten werde.

Von 2014 bis 2019 siegten durchgängig Deutsche auf Big Island. Wird diese Serie fortgesetzt?

The trend is your friend (lacht). Es ist wahrscheinlicher, dass die Serie – zumindest in den kommenden zwei bis drei Jahren – hält, als dass sie reißt. Danach wird es eine andere Zeit geben.

Die Sportart Triathlon stößt auf immer mehr Interesse in der breiten Bevölkerung. Warum?

Es ist ein Mitmach-, kein reiner Zuschauer-Sport. Ein Gegenbeispiel: Das Interesse am Bobfahren oder am Skispringen ist auch da, und es rekrutiert sich aus den Erfolgen der deutschen Athletinnen und Athleten. Es selbst zu machen, ist für viele aber unmöglich. Triathlon hingegen bietet die Kombination aus den drei beliebtesten Ausdauer-Sportarten. Gleichzeitig gibt es ein Bestreben in der Bevölkerung, immer extremere Sachen zu machen. Der Langdistanz-Triathlon ist dabei die Mount-Everest-Besteigung mit der Möglichkeit, zu jedem Zeitpunkt ohne Probleme aufzuhören.

Gibt diese Entwicklung der Konkurrenz nicht die Chance, Alternativen zu den kostspieligen Rennen der Ironman-Serie anzubieten?

Ja, deshalb ist es verwunderlich, dass es nicht noch mehr Konkurrenz gibt. Aber Ironman ist eine starke Marke mit einem faszinierenden Geschäftsmodell. Oder kennen Sie viele Apple-Fans, die sich einen angebissenen Apfel auf die Wade tätowieren lassen? Bei Triathlon-Rennen sieht man viele mit dem Ironman-Logo. Diese Position zu erarbeiten, ist nicht einfach. Dennoch würde ich mir wünschen, dass es mehr Alternativen gibt. Und ich weiß, dass es viele Athletinnen und Athleten gibt, die die zunehmende Kommerzialisierung skeptisch sehen.

Die drei besten Frauen und Männer der WM auf Hawaii wären in diesem Jahr beim Konkurrenz-Rennen in Roth, das der Veranstalter Challenge ausrichtet, gestartet. Viele haben das als Signal gegen den Branchenriesen Ironman gewertet. Zu Recht?

Das würde ich nicht so stark zuspitzen, denn wir sind in der Vergangenheit alle schon in Roth gestartet. Es ist ein großes Rennen, das die Sponsoren gleichwertig etwa zum Ironman Frankfurt sehen. Ironman versucht jedoch zunehmend, an den Antrittsgeldern für uns Profis zu sparen. Diese Gelder stellen aber einen Teil unseres Einkommens dar. Wenn es ein besseres Angebot gibt, dann ist es klar, dass man als Profi eben dort startet.

Sehen Sie aufgrund der vielen Renn-Absagen eine Gefahr für den Sport und die Sportler generell?

Ja, man muss um einige Veranstalter fürchten. Deshalb bin ich immer froh, wenn Athleten sich kulant zeigen und nicht sofort auf die Rückzahlung der Anmeldegebühr pochen. Was die Sportlerinnen und Sportler betrifft, würde ich es individuell sehen: Für uns Top-Profis ist die lange Zeit ohne Rennen keine Riesen-Katastrophe. Wir haben gute Sponsoren und viele Möglichkeiten, für sie zu werben. Auch wenn es keine Rennen gibt. Wer eher in der zweiten Reihe steht, hat ein Problem, wenn er keinen Gönner im Rücken hat.

Welche Möglichkeiten sehen Sie, Sportlern, die auch von Startgeldern profitieren, über die herrschende Flaute zu helfen?

Das Wichtigste wäre, dass wieder Rennen stattfinden. Denn darüber verdienen die meisten Profis ihr Geld. Die Gewerkschaft PTO müsste in die Bresche springen und dabei helfen, Wettkämpfe zu organisieren.

Viel dreht sich ums Geld. Jan Frodeno startet für das Endurance Team Bahrain, außerdem ist eine Schmerzmittel-Marke Partner des Ironman Hawaii. Muss sich der Triathlon zukünftig auch umstrittenen Sponsoren öffnen?

Es ist immer eine Frage der persönlichen Herangehensweise der Athleten oder der Veranstalter. Ich habe auch zunächst „Ja“ zum Geld aus Bahrain gesagt. Damals waren meine Argumente so zurecht gelegt: Solange die Fußball-WM nach Katar und die Olympischen Spiele nach China und Russland vergeben werden, ist es gesellschaftlicher Konsens, dass hier kein Problem besteht. Aber in mir drin wusste ich, das ist kein Partner auf den ich stolz sein kann. Bei kritischen Fragen zu diesem Sponsor kam ich so in eine Lage, in der ich automatisch die Geschehnisse dort gerechtfertigt habe, bei dem Versuch mich zu verteidigen. Deswegen habe ich festgestellt, dass es für mich unmöglich ist, das Logo zu präsentieren. Die Kooperation habe ich dann vorzeitig beendet.

Darüber sprechen sicher nicht viele so kritisch.

Ich arbeite zwar täglich an meiner Aerodynamik für das Radfahren. Aber im Umgang mit kritischen Themen finde ich Windschnittigkeit nicht gut.

Dann sprechen wir über Ihren Sponsor Red Bull.

Gern. Aber warum?

Bei Extremsport-Aktionen dieses Sponsors sind Menschen ums Leben gekommen. Unter anderem Bergsteiger David Lama. Wie gehen Sie damit um?

Bei keiner dieser Aktionen kam Red Bull auf den Athleten zu und hat gesagt, dass er es unbedingt machen soll. Das gilt für diese Sportler ebenso wie für den Sprung aus dem Weltall. Es herrscht im Allgemeinen ein Überbietungs-Wettkampf, aber Red Bull stellt nicht das Problem dar. Das liegt eher beim Publikum. Wäre kein Voyeurismus da, gäbe es diese Aktionen nicht. Daher ist die pauschale Kritik ungerechtfertigt. Denn das Unternehmen hat auch andere Seiten.

Welche?

Wenn man über den Firmengründer und Miteigentümer Dietrich Mateschitz etwas Positives erfahren will, findet man genug. Nur wird das eben nicht an die große Glocke gehängt. Außerdem: Es gibt wohl kein Riesen-Unternehmen, bei dem es gar nichts zu kritisieren gibt. Über diese Kritikpunkte kann man – zumindest mit mir – immer sprechen. Es gibt jedoch auch Unternehmen oder Institutionen, die sich der Diskussion und auch der Gerichtsbarkeit entziehen. Das sehe ich deutlich kritischer, schließlich hat gerade der öffentliche Druck in den letzten Jahren viele Unternehmen zum Umdenken bewegt.