Fußball

Es gärt im deutschen Fußball: So verhärtet sind die Fronten

Der Streit um eine Kollektivstrafe gegen BVB-Ultras war nur ein Aspekt der Fankritik.

Der Streit um eine Kollektivstrafe gegen BVB-Ultras war nur ein Aspekt der Fankritik.

Foto: Soeren Stache / dpa

Fans und Funktionäre streiten darüber, wer im Fußball mitreden darf. Ein Fanbündnis will einen Gegenpol zu den Verbänden bilden. Eine Analyse.

Essen. Die Antwort auf eine der größten aktuellen Fragen des Fußballs ist banal: allen. Keine Person, kein Verband und kein Verein kann das Spiel besitzen: Fußball gehört allen – aber niemandem allein.

Es geht aber um Mitspracherecht. Erstens lässt sich damit ein Batzen Geld verdienen, zweitens berührt das Spiel die Seele von Millionen Menschen. Die einen wollen Wachstum, die anderen, dass sich der Sport trotz Millionen nicht zu sehr von der Basis abkoppelt. Lässt sich eine einvernehmliche Lösung beim Spagat zwischen Profit und Herz finden? Vielleicht. Die Diskussion muss differenzierter betrachtet werden als die einfache Frage nach dem Fußball und seinem Besitzer. Im Moment treffen die beiden Pole immer öfter und besonders stark aufeinander. Woran liegt das?

Um Hopp ging es nur am Rande

Es ist noch gar nicht so lange her, da drehte sich im deutschen Fußball alles um Dietmar Hopp. Der Mäzen der TSG Hoffenheim im Fadenkreuz auf Fanplakaten, Beleidigungen gegen den Milliardär unter der Gürtellinie. Man musste das gewiss nicht gut finden. Aber: Um Hopp als Person ging es im Februar nur am Rande. Vielmehr solidarisierten sich Ultras mit den Fans von Borussia Dortmund, denen eine Kollektivstrafe aufgebrummt worden war, obwohl die der Deutsche Fußball-Bund längst abgeschafft hatte.

Geht Thiago? Wie fit ist Sané? Große Fragen beim FC Bayern Auf Drängen von Hopp? Bestätigt ist das nicht, aber das Urteil sorgte für Aufruhr: BVB-Anhänger wurden von Auswärtsspielen gegen Hoffenheim bis zum Ende der Saison 2021/22 ausgeschlossen – wegen wiederholter Beleidigungen gegen Hopp. Absurderweise wurden die folgenden Plakate in mehreren Arenen mit den rassistischen Morden von Hanau vermischt. Dann kam Corona, aber keine differenzierte Diskussion darüber, was denn nun ist mit den Kollektivstrafen.

Kommerz ja, aber nicht zu viel

Während der Pandemie hat sich eine vielschichtige Interessengruppe formiert: „Unser Fußball“, bestehend aus Ultras, Fanclubs und Einzelpersonen. Ihre Ziele: ein sportlich fairer Wettbewerb, nachhaltiges Wirtschaften der Vereine und Mitbestimmung der Fans. Das ist ihre Vorstellung davon, wie sie diesen Sport gerne hätten, kein absoluter Besitzanspruch. Sie wollen endlich gehört werden, schließlich trage auch die Kurve dazu bei, dass der Fußball boomt. Corona habe zudem gezeigt, was alles schief laufe.

„Wir sind jetzt leider angekommen an einem Punkt, an dem ich von den Ultras immer nur lese: Wir fordern dies, wir fordern das“, sagte Karl-Heinz Rummenigge, Vorstandschef des FC Bayern, der Sport-Bild. „Jetzt wollten sie Mitsprache bei der Debatte um die Verteilung der TV-Gelder. Aber wenn ich immer nur fordere, aber nie bereit bin, Pflichten und auch Verantwortung zu übernehmen, endet das in einer Einbahnstraße.“ Und überhaupt: Der Name der Gruppe, „Unser Fußball“, sei anmaßend. „Wem gehört der Fußball? Am ehesten noch denen, die ihn spielen -- egal, auf welchem Niveau. Die Fans sind Teil des Fußballs, aber er gehört ihnen nicht.“ Ein paar Tage später legte Bayern Münchens Ehrenpräsident Uli Hoeneß im Bayerischen Rundfunk nach: „Es ist sehr wichtig, dass die Ultras begreifen, dass sie ein wichtiges Element sind, aber nicht alles alleine bestimmen dürften.“ Das hatten Vertreter von „Unser Fußball“, das gar kein Ultra-Bündnis ist, nie gefordert.

Es geht um die Deutungshoheit

Getränkekonzerne erfinden Vereine, Ölstaaten spielen Weltpolitik im Stadion. Der Kunde in Shanghai ist den Fußball verkaufenden Wirtschaftsunternehmen genauso wichtig wie der daheim. Bleibt da Platz für Romantik? „Wir müssen das Anliegen der Ultras aus einer bestimmten Perspektive sehen“, sagt Fanforscher Jonas Gabler dieser Redaktion. „Ende der 1990er-Jahre, als sich die Gruppen in Deutschland etabliert haben, war die Kommerzialisierung bereits im vollen Gange. Den Ultras ging es damals darum, dass das Rad nicht überdreht wird — nicht darum, die Zeit zurückzudrehen zur Vorprofessionalisierung des Fußballs.“ Die Frage ist also nicht, wem der Fußball gehört, sondern ob Verbänden und Funktionären die alleinige Deutungshoheit über richtig und falsch zusteht.

Lange konnten sie der Antwort darauf aus dem Weg gehen. Fußballfans waren erst unorganisiert, dann kümmerten sich Ultras überwiegend um spezifische Themen: Ticketpreise, Polizeigewalt, Pyrotechnik. Einer breiten Masse vor dem TV sind diese Dinge nicht wichtig. Ultras als „sogenannte Fans“, das Freund-Feind/Gut-Böse-Schema der Funktionäre konnte sich etablieren, weil Ultras trotz des Engagements gegen Homophobie und Rassismus beim Streben nach Aufmerksamkeit Angriffsflächen bieten.

Verbände wirken überfordert

Die Skepsis gegenüber dem Profifußball scheint in der Gesellschaft zu wachsen. Erst die vermeintliche Sonderrolle während Corona, dann die lahme Restrunde. Ohne Fans im Stadion gingen auch die TV-Quoten zurück. Zeit für Veränderungen? Das Ringen um die Gunst der Mitte der Fußball-Fans zwischen Profitmaximierern und Traditionalisten läuft. Unwahrscheinlich, dass Rummenigge und Hoeneß zufällig pauschal von „den Ultras“ gesprochen haben, wohlwissend, dass das neue Bündnis viel breiter aufgestellt ist. Die Funktionärs-Taktik bleibt Spaltung. Fritz Keller wäre ein Vermittler, er äußerte sich zuletzt verständnisvoll bei Fan-Anliegen – doch der DFB-Präsident hatte schon viel Kredit verspielt, weil er sich voreilig auf die Seite von Hopp geschlagen hatte.

Verbände wirken seit Jahren überfordert, wenn sie mit einer kritischen Gegenöffentlichkeit aus der Kurve konfrontiert werden. Kollektivstrafen sind ein Indiz für Planlosigkeit. Besserung wurde gelobt, eine neue Demut versprochen, doch dann hatte der neue TV-Vertrag wieder auffallend viele Nullen. Die Fronten bleiben hart.

Offene Fragen vor dem Saisonstart

Funktionäre hoffen auf zügige Normalität. Fans sollen wieder für Stimmung sorgen, die die Liga vermarkten kann – aber doch bitte nicht mitreden. Der Wunsch wird kaum in Erfüllung gehen, da die nächste Zerreißprobe wartet: Wer darf zur neuen Saison in die Stadien, wenn die noch nicht komplett gefüllt werden dürfen? An einigen Standorten haben Ultras bereits ihren Verzicht angekündigt. In der heterogenen Subkultur wird es aber kaum zu einer bindenden Entscheidung kommen.

Noch stehen zu viele offene Fragen im Raum: Wie werden die Tickets verteilt? Was ist mit dem Datenschutz? Ein hochsensibles Thema, bei dem einige Fans so argumentieren: Unter dem Vorwand der Pandemie werden Sicherheitsmaßnahmen wie personalisierte Tickets eingeführt, von denen die Verbände später nicht mehr abrücken. „Transparenz und Gerechtigkeit bei der Ticketvergabe werden zwei zentrale Faktoren sein, wenn es darum geht, unter welchen Bedingungen die Fans zurück in die Stadien können“, sagt Michael Gabriel, Leiter der Koordinationsstelle der Fanprojekte. „Wird das nicht beachtet, wird die Akzeptanz aller Maßnahmen deutlich leiden.“ Der Konflikt hat gerade erst begonnen.