Erinnerungen an den Großvater

So abenteuerlich war eine Geschäftsreise um 1910

Syllvia Diekchoff liest aus den Briefen ihres Großvaters Wilhelm Banz, der 1910 als Kaufmann nach Santa Cruz de la Sierre in Bolivien reiste.

Syllvia Diekchoff liest aus den Briefen ihres Großvaters Wilhelm Banz, der 1910 als Kaufmann nach Santa Cruz de la Sierre in Bolivien reiste.

Foto: Monika Retzlaff

Sylvia Dieckhoff hat aus den Erinnerungen ihre Großvaters an eine Reise nach Bolivien im Jahr 1910 ein Buch gemacht.

Schwarzenbek.  „Santa Cruz liegt im innersten Herzen Boliviens und ist meiner Meinung nach der Fleck der Erde, der am allermeisten von der Welt abgeschnitten ist. Wenn man zum Beispiel den Transport der Waren annimmt, welcher von Europa bis hierher mindestens ein halbes Jahr dauert. Es kommt aber auch vor, dass die Waren drei bis vier Jahre unterwegs sind.“ Das schrieb der Hamburger Wilhelm Banz, Buchhalter des Handelshauses Gasser Y Schweitzer, im Jahr 1910. Er war 22 Jahre jung, als er von seiner Firma auf Geschäftsreise nach Santa Cruz de la Sierra in Bolivien entsandt wurde.

Wilhelm Banz ist der Großvater der Schwarzenbekerin Sylvia Dieckhoff und hat seine Erlebnisse in Briefen an seine Verlobte Mimi geschrieben. Aus diesen zeitgeschichtlichen Dokumenten hat die Landesvorsitzende des DHB Netzwerk Haushalt (früher Hausfrauenbund) jetzt ein Buch zusammengestellt.

70 Tage Überfahrt

Mit dem Dampfschiff ging es für Wilhelm Banz 1910 auf die insgesamt 70 Tage währende Reise. Er erzählt in seinem Briefen von der wochenlangen Überfahrt mit dem Postschiff „Sao Paulo“ und warum viele lebende Ochsen, Hammel und Schweine mit an Bord waren. Er schrieb über Madeira, den „schönsten Ort auf Erden“ und die deftige Äquatortaufe. Er berichtete über die abenteuerliche, beschwerliche Weiterreise von der Küste nach Santa Cruz, denn es gab weder Straßen, Fahrzeuge noch feste Unterkünfte.

Er kam mit dem Lasttier, zu Fuß und im offenen Eisenbahnwaggon voran, wo der Funkenflug fast seine Kleidung und das Gepäck verbrannte. Er erzählte über das langweilige Leben in dem „Dorf“, das heute eine Millionenstadt mit zwei Flughäfen ist. Zwei Jahre war der Hamburger Kaufmann in Bolivien, dann verließ er Südamerika, „um Familienangelegenheiten zu ordnen“, wie es in seinem Firmenzeugnis hieß.

Alte Briefe überdauerten Jahrzehnte

Ein Jahr später heiratete er seine Mimi. Das Ehepaar bewahrte die Schriften und seine Reisedokumente auf. Jahrzehnte später wurden sie von der Enkelin begeistert gelesen, Sylvia Dieckhoff aus Schwarzenbek. Besser gesagt, die Schriftstücke wurden ihr von ihrer Mutter vorgelesen.

„Mein Großvater schrieb nämlich in Sütterlin und meine Mutter kann das lesen“, erzählt Sylvia Dieckhoff. Je weiter sich die heute 66-Jährige in die Zeilen ihres Großvaters vertiefte, umso spannender wurde es. „Dann kam ich auf die Idee, daraus für meine Mutter ein Buch zu machen. Heimlich, als Geschenk zu ihrem 90. Geburtstag“, sagt Sylvia Dieckhoff.

Sie vervollständigte die Briefe mit Abbildungen und Fotos des Reisepasses, der Bordkarte und Zeugnissen ihres Großvaters. Zusammen mit ihrem Schwager gestaltete sie das Layout, ließ die Seiten drucken und zu einem Buch binden. Es gibt nur zwei Exemplare davon. Dennoch haben die Schwarzenbeker nun die Möglichkeit, von den Erlebnissen des Hamburgers Wilhelm Banz zu erfahren.

Zwei Lesungen zum Buch

Sylvia Dieckhoff stellt in zwei Lesungen das Werk vor. Dazu lädt das DHB Netzwerk Haushalt zu Terminen mit dem Titel „Der weite Weg nach Santa Cruz de la Sierra (Bolivien) im Jahre 1910“ ein. Die Termine sind Donnerstag, 21., und am darauffolgenden Donnerstag, 28. November, in Schröders Hotel, Compestraße 6. Beginn ist jeweils um 15 Uhr.