Inklusion

Schichtwechsel: Von der Kita in die Werkstatt

Erzieher René Peter (r.) schnuppert einen Tag in den Schwarzenbeker Werkstätten herein. Siegfried Lübcke erklärt ihm die Arbeitsabläufe.

Erzieher René Peter (r.) schnuppert einen Tag in den Schwarzenbeker Werkstätten herein. Siegfried Lübcke erklärt ihm die Arbeitsabläufe.

Foto: Stefan Huhndorf

Die Schwarzenbeker Werkstätten helfen 60 Menschen mit Behinderungen. Ein Kita-Erzieher hat sich beim „Schichtwechsel“ dort einen Tag umgeschaut.

Schwarzenbek.  Gar nicht so einfach, alle Metallteile – Heftklammern, Büroklammern und Heftrücken – akkurat und ohne Rückstände aus den alten Akten zu entfernen und diese mit Kunststoffbindern neu zu fixieren. Dies ist einer von mehreren Jobs, die rund 60 Beschäftigte der Schwarzenbeker Werkstätten ausüben. Viele haben psychische Probleme, einige finden durch die Qualifizierung in der Einrichtung des Lebenshilfewerks auch Jobs auf dem so genannten ersten Arbeitsmarkt.

Schichtwechsel in der Werkstatt

Erzieher René Peter aus der Kita Pavillon hat gestern bei der bundesweiten Aktion „Schichtwechsel“ einen Tag in den Schwarzenbeker Werkstätten gearbeitet und Akten aus dem Hamburger Staatsarchiv aufbereitet und für die Einlagerung verpackt. „Es ist eindrucksvoll, was die Beschäftigten hier machen und wie sie hier an die Arbeit herangeführt werden“, sagte der Erzieher beim anschließenden Feedback-Gespräch mit Siegfried Lübcke, der für ausgelagerte Arbeitsplätze und Praktika zuständig ist.

Allerdings hat die Premiere der Aktion „Schichtwechsel“ einen „Holperstart“ hingelegt. René Peter trat gestern um 8.30 Uhr pünktlich seinen Dienst in den Schwarzenbeker Werkstätten an der Röntgenstraße 18 an. Sein Tauschpartner Tom Schumacher musste allerdings krankheitsbedingt das Bett hüten. Er wird seinen Tag in der Kita Pavillon an der Berliner Straße aber nachholen. Denn während René Peter lediglich mehr Verständnis für Menschen mit Handicaps und deren Probleme erlangen wollte, ist die Kita für den Geesthachter Tom Schumacher eine mögliche Zukunftsperspektive.

Lagerist leidet an Dyskalkulie

„Tom Schumacher arbeitet schon einige Zeit bei uns. Er ist Lagerist, leidet aber an Dyskalkulie. Das haben wir mit Tests herausgefunden, nachdem er Depressionen durch seine Berufsunzufriedenheit bekam. Er könnte als Kita-Helfer eine neue berufliche Perspektive erhalten“, sagt Siegfried Lübcke.

„Wir haben bereits einen Mitarbeiter von den Schwarzenbeker Werkstätten bei uns in der Küche. Das klappt sehr gut. Auch in meiner Kita-Gruppe könnte ich weitere Unterstützung gebrauchen“, sagt René Peter.

Beruflicher Rollentausch für einen Tag

„Wir fanden das Konzept des beruflichen Rollentauschs gut. Wir suchen immer auch Partner, bei denen unsere Beschäftigten Praktika absolvieren oder ausgelagerte Arbeitsplätze finden können, die von uns betreut werden“, erläutert Lübcke.

In den Schwarzenbeker Werkstätten, die zum Lebenshilfewerk Kreis Herzogtum Lauenburg gehören, bekommen Menschen mit Behinderungen Unterstützungs- und Bildungsangebote, damit sie am Arbeitsleben teilhaben können. Viele Beschäftigte in dieser Einrichtung haben psychische Probleme, wie beispielsweise Depressionen. „Werkstätten wie unsere sind ein wichtiger Bestandteil des Systems der Teilhabe. Deshalb nutzen wir auch jede Möglichkeit, um Verständnis für unsere Beschäftigten zu wecken“, sagt Benedikt Kindermann, Werkstattleiter in Schwarzenbek.

Bundesweiter Aktionstag

Der „Schichtwechsel“ ist eine Berliner Erfindung: Erstmals tauschten im Jahr 2017 auf Initiative des Landesarbeitsgemeinschaft für Behindertenwerkstätten 320 Menschen mit und ohne Behinderung ihren Arbeitsplatz. Ziel ist, durch das gegenseitige Erleben des Arbeitsplatzes Vorurteile auf beiden Seiten abzubauen und den allgemeinen Arbeitsmarkt ein Stück weiter für Behinderte zu öffnen.

Am gestrigen Donnerstag fand der Aktionstag erstmals bundesweit statt: In neun von 16 Bundesländern tauschten Beschäftigte ihre Arbeitsplätze. In Schleswig-Holstein nahm neben der Schwarzenbeker Kita Pavillon auch Verpackungsmaterial-Großhandel Rolf Schwiering in Oststeinbek an der Aktion teil.