Rollstuhlfahrer testen

Wie barrierefrei ist die Europastadt?

Die Rollstuhlfahrer Peter Spellmeyer, Florian Berndt und Gunda Oertel sowie der Behindertenbeauftragte Klaus Gawlik, Simone Kroll-Schilke vom Kümmerer-Netzwerk und Karen Heise vom Leebenshilfewerk testeten Schwarzenbek auf seine Barrierefreiheit.

Die Rollstuhlfahrer Peter Spellmeyer, Florian Berndt und Gunda Oertel sowie der Behindertenbeauftragte Klaus Gawlik, Simone Kroll-Schilke vom Kümmerer-Netzwerk und Karen Heise vom Leebenshilfewerk testeten Schwarzenbek auf seine Barrierefreiheit.

Foto: Marcus Jürgensen

Schwarzenbek. Oft sind es nur Kleinigkeiten, die Fußgänger erst auf den zweiten Blick auffalllen, Rollstuhlfahrern aber das Leben schwer machen.

Schwarzenbek. Die erste „Hürde“ gleicht eher einer Furche: Auf dem Ritter-Wulf-Platz bleibt Florian Berndt (31) mit der vorderen Rolle seines Rollstuhls hängen. Der Ratzeburger besucht, ebenso wie Peter Spellmeyer (32) aus Geesthacht, das Berufliche Förderzentrum des Lebenshilfewerks am Hans-Koch-Ring. Karen Heise, die Berndts Rollstuhl schiebt, ist dort hauswirtschaftliche Betriebsleiterin und Sicherheitsbeauftragte. Gemeinsam mit Gunda Oertel (71) von den DRK-Besuchsfreunden, die ebenfalls im Rollstuhl sitzt, dem Behindertenbeauftragten Klaus Gawlik, Jörg Scheele vom Seniorenbeirat sowie Simone Kroll-Schilke und Johanna Ravens vom Kümmerer Netzwerk wollen sie testen, wie barrierefrei die Europastadt ist.

Kleine Hindernisse, große Wirkung

Hintergrund der Tour durch die Innenstadt: Die Stadtverordneten haben beschlossen, einen Aktionsplan Inklusion aufzustellen. Die Ergebnisse dieser Tour sollen in einen Förderplan einfließen, der parallel erstellt wird. „Wir konzentrieren uns auf diesem Rundgang zunächst nur auf Menschen mit Gehbehinderungen“, erklärt Kroll-Schilke. Dabei wird deutlich: Vielerorts wurden bei Neubauten die Belange von Rollstuhlfahrern bedacht. Oft sind es aber Kleinigkeiten, die ihnen das Leben schwer machen. Für Fußgänger sind diese Hindernisse häufig erst auf den zweiten Blick zu entdecken.

Erster Stopp der Gruppe ist der Fußgängerüberweg an der Compestraße: Wie an vielen anderen Überwegen auch, sorgen das halbrunde Straßenprofil, der gepflasterte Rinnstein sowie eine nicht tief genug abgesenkte Bordsteinkante dafür, dass der Rollstuhl von Florian Berndt hängen bleibt. Gunda Oertel und Peter Spellmeyer sind mit Elektrorollstühlen unterwegs, geben an solchen Übergängen Gas und suchen sich dann eine möglichst niedrige Stelle auf der anderen Straßenseite aus.

Kopfsteinpflaster am Behindertenparkplatz

Während die Gruppe, zu der auch die Stadtverordneten Calvin Fromm (SPD) und Roman Larisch (CDU) gehören, schon weiter will, bleibt Karen Heise stehen und weist auf den mit einem Rollstuhl-Logo gekennzeichneten Behindertenparkplatz vor der St.-Franziskus-Kirche hin: „Das geht ja gar nicht“, entfährt es ihr. Zwar ist der Parkplatz breit genug und eben, er grenzt aber direkt an eine Fläche mit Kopfsteinpflaster, die der Rollstuhlfahrer überwinden muss, will er nach dem Aussteigen aus seinem Auto nicht zunächst rückwärts auf die Straße zurückrollen.

Grünphase der Fußgängerampel ist zu kurz

Nächstes Hindernis, das Fußgänger ohne Handycap kaum bemerken, ist die Grünphase an der Fußgängerampel Markt/Berliner Straße: Als Heise und Berndt gerade den Bordstein überwunden haben, schaltet das Ampelsignal bereits wieder auf Rot. „Für Rollstuhlfahrer, aber auch für Menschen mit einem Rollator, ist diese Grünphase viel zu kurz“, sind sich alle einig. Auch das rote Verbundpflaster auf den Fußwegen ist ein Problem: Richtung Straße ist es stark abschüssig, Rollstuhlfahrer müssen beständig gegenlenken.

Ein Rinnstein als Stolperfalle

Eine besonders schwierige Stelle nennt Gunda Oertel: die Bahnunterführung an der Compestraße. „Wenn ich bei Glätte mit dem Rollstuhl zum DRK will, rutsche ich regelmäßig gegen eine der beiden großen Steinkugeln, die als Tempobremse für Radfahrer dort aufgestellt sind“, berichtet die 71-Jährige. Eine weitere „Stolperfalle“ entdeckt die Gruppe auf dem Rückweg: Vor dem Jobcenter an der Compestraße ist eine Wasserrinne im Pflaster eingelassen, die bis zu 2,5 Zentimeter tief ist. Karen Heise: „Die Kanten sollten abgerundet oder abgeschrägt sein und farblich markiert. So ist die Rinne kaum zu sehen und auch für Fußgänger eine Stolperfalle.“

Die Erkenntnisse dieser ersten Begehung sollen in den Förderplan einfließen. Dazu gehören auch Orientierungshilfen für Sehbehinderte an Bushaltestellen, am Bahnsteig und den Fahrkartenautomaten am Bahnhof. Ein Problem sind auch die Aufzüge am Bahnhof, die wegen Vandalismus häufig still stehen. Ohne sie haben Menschen im Rollstuhl jedoch keine Chance, die Zuganbindung zu nutzen.