Wiedervereinigung

Erinnerungen an den Tag, an dem die Grenze fiel

So wie auf der Autobahn 24 in Gudow sah es im November 1989 an allen innerdeutschen Grenzübergängen aus: Bundesbürger stehen Spalier und begrüßen winkend die in ihren Trabis und Wartburgs gen Westen rollenden DDR-Bürger

So wie auf der Autobahn 24 in Gudow sah es im November 1989 an allen innerdeutschen Grenzübergängen aus: Bundesbürger stehen Spalier und begrüßen winkend die in ihren Trabis und Wartburgs gen Westen rollenden DDR-Bürger

Foto: Ingo Röhrbein, Hamburg, Germany / Ingo Roehrbein, Hamburg, Germany

Schwarzenbek. Vor 30 Jahren fiel die Mauer. Der Kirchenkreis erinnerte jetzt vor 200 geladenen Gästen an diese bewegenden Tage.

Schwarzenbek/Ratzeburg. Bereits im Jahr 1979 sang die DDR-Band Karat „Manchmal ist man wie von Fernweh krank“ in ihrem Lied „Über Sieben Brücken Musst Du Geh’n“. Der Song, mit dem der Möllner Musiker Michael Jessen den traditionellen Michaelisempfang des Kirchenkreises am Montagabend eröffnete, war beiderseits der Grenze ein Hit. Zehn Jahre später konnten die DDR-Bürger ihr Fernweh stillen – am 9. November 1989 stürzte erst die Berliner Mauer und dann der gesamte ostdeutsche Staat.

„Die Mauer ist nicht gefallen. Blätter fallen oder Regen. Die Mauer wurde umgeschmissen“, sagt Dr. Marie Anne Subklew-Jeutner. Diese Definition ist der Ost-Berlinerin, die heute wissenschaftliche Mitarbeiterin des Theologischen Seminars der Uni Hamburg ist, wichtig: „Sprache beschreibt nicht nur Wirklichkeit – sie kreiert sie auch.“ Pröpstin Frauke Eiben hatte Subklew-Jeutner als Gastrednerin zum Michaelisempfang eingeladen. Unter dem Motto „Grenzenlos“ erinnerten sich in der Ratzeburger Stadtkirche St. Petri auch Propst Marcus Antonioli aus Wismar, Kreispräsident Meinhard Füllner und Gülzows Pastor Stefan Krtschil an den friedlichen Umsturz und ihre ganz persönlichen Ost-West-Erfahrungen.

Demokratie braucht Symbole

Im Gespräch vor mehr als
200 geladenen Gästen ging es aber nicht allein um den 9. November, sondern um die Probleme des Zusammenwachsens. „Auch die Demokratie braucht Symbole der Selbstvergewisserung“, sagt Subklew-Jeutner, die sich eine gemeinsame Verfassung beider deutscher Staaten als „gesellschaftliche Klammer“ gewünscht hätte. Ein „emotionales Problem“ zwischen Ost und West konstatierte Füllner: „Wir reden über Täter und Opfer – nicht aber über die vielen dazwischen, die sich allein gelassen fühlen.“ Antonioli, damals in einer der vielen neugegründeten Parteien politisch aktiv, sieht die Wiedervereinigung pragmatisch: „Unsere Partei wollte damals einen langsameren Weg, der war aber nicht mehrheitsfähig.“

Für Pröpstin Frauke Eiben können 30 Jahre nach dem Mauerfall die Kirchen helfen, die Deutschen mit ihren unterschiedlichen Sichtweisen auf den Einigungsprozess miteinander zu versöhnen. Eiben: „Wir haben in Deutschland viel aufgebaut, aber zu wenig miteinander geredet.“ Sie empfiehlt das 1998 vom südafrikanischen Geistlichen Michael Lapsley begründete „Healing of Memories“ (Heilen der Erinnerungen): Apartheid-Gegner Lapsley hatte bei einem Attentat seine Hände verloren, arbeitete danach dennoch in der Versöhnungsarbeit.

Fest der Freiheit in Prag

Ganz besondere Erinnerungen verbindet Waltraud Schröder mit dem Fall der Mauer. Als Einsatzleiterin des DRK in der Prager Botschaft half sie Tausenden DDR-Bürgern im Herbst 1989 in die Freiheit. Es war der Einsatz ihres Lebens. Vor fünf Jahren war sie beim „Fest der Freiheit“ erneut in Prag, traf dort auf den 2016 verstorbenen Hans-Dietrich Genscher, der als deutscher Außenminister am
30. September 1989 vom Balkon der deutschen Botschaft den legendären Satz sagte: „Liebe Landsleute, wir sind gekommen, um ihnen mitzuteilen, dass heute ihre Ausreise ...“ Der Rest der Rede ging im Jubel der Botschaftsflüchtlinge unter.

Bis zum Montagabend war 83-Jährige erneut beim Freiheitsfest in Prag, erzählte noch einmal aus ihren Erinnerungen. „Der Jubelschrei der DDR-Bürger klingt noch heute in meinen Ohren nach“, so die Schwarzenbekerin.

Das ist los am 3. Oktober

Zum Tag der Deutschen Einheit gibt es in der Region Einiges zu erleben. Die Junge Union lädt am Donnerstag um 14 Uhr zum „Einheitsbuddeln“ ein und will im Stadtgebiet einen Apfelbaum pflanzen. Treffpunkt ist auf dem Ritter-Wulf-Platz. Der BUND veranstaltet von 10 bis 15 Uhr eine Radtour auf historischen Wegen am Schaalsee. Treffpunkt ist der Parkplatz Rosenhagen am Nordufer des Dutzower Sees. Ebenfalls um 10 Uhr beginnt in Rosenhagen das 30. Brückenfest der Gemeinden Kittlitz und Kneese: Feuerwehrleute beider Gemeinden hatten 1990 eine hölzerne Behelfsbrücke als Verbindung gebaut.