Falscher Verdacht

Hausmeister sieht Betrüger ähnlich: Entlassung

Anton Ralla (59) aus Schwarzenbek sieht einem EC-Kartenbetrüger zum Verwechseln ähnlich. Obwohl seine Unschuld mittlerweise erwiesen ist, hat er dennoch seinen Job als Hausmeister verloren.

Anton Ralla (59) aus Schwarzenbek sieht einem EC-Kartenbetrüger zum Verwechseln ähnlich. Obwohl seine Unschuld mittlerweise erwiesen ist, hat er dennoch seinen Job als Hausmeister verloren.

Foto: Marcus Jürgensen

Schwarzenbek/Bergedorf. Weil er einem EC-Karten Betrüger zum Verwechseln ähnlich sieht, ist Anton Ralla ins Visier der Polizei geraten.

Schwarzenbek/Bergedorf.  Das ist der Albtraum jedes unbescholtenen Bürgers: Man wird mit einem Straftäter verwechselt und plötzlich steht die Polizei vor der Tür. Genau das ist dem Hausmeister Anton Ralla (59) aus Schwarzenbek vor ziemlich genau einem Monat passiert. Die Beamten hielten ihn für einen Einbrecher und EC-Kartenbetrüger. Grund: Er sieht dem Gesuchten zum Verwechseln ähnlich.

Staatsanwaltschaft bestägt: Ralla ist unschuldig

Die Fahnder durchsuchten seinen Arbeitsplatz, sein Reihenhaus, bei der Polizeidirektion Ratzeburg wurde er erkennungsdienstlich behandelt und dann Stunden später wieder freigelassen. Mittlerweile hat der 59-Jährige es schriftlich von der Staatsanwaltschaft: Er ist unschuldig. Ein Sachverständiger für Gesichtserkennung stellte fest, dass es sich trotz frappierender Ähnlichkeit um verschiedene Personen handelt.

Bistum kündigt Hausmeister trotzdem

Aber die Polizeiaktion hat weitreichende Folgen: Sein Arbeitgeber, das Bistum Hamburg, hat Anton Ralla gekündigt. Er war 19 Jahre Hausmeister an der Katholischen Schule in Bergedorf. Nachbarn musste er versichern, dass er kein Krimineller ist. Auch seine Ehefrau Magdalena hat die Durchsuchung des Reihenhauses in Schwarzenbek sehr mitgenommen.

Überwachungskamera filmt Täter

Wie geriet der Schulhausmeister in das Fadenkreuz der Ermittler? Rückblende: Vor einem Jahr, an den Weihnachtsfeiertagen in der Zeit vom 23. bis zum 27. Dezember 2017, wurde in eine Rechtsanwaltskanzlei in Schwarzenbek eingebrochen. Der oder die Täter erbeuteten dort eine EC-Karte und offenbar auch die PIN-Nummer. Mit der Karte wurden wenig später in Bergedorf und im dänischen Aarhus mehrere Tausend Euro abgehoben. Allerdings filmte eine Raumüberwachungskamera sowohl in Bergedorf als auch in Dänemark den Täter.

Fahnung über „XY ungelöst...“

Nachdem die Schwarzenbeker Polizei mit ihren Ermittlungen in eine Sackgasse geraten war, wandten sich die Fahnder in Absprache mit der Staatsanwaltschaft im August 2018 erstmals mit einem Fahndungsfoto von der Video-Überwachungskamera an die Öffentlichkeit. Ohne Erfolg. Am 14. November wurde der Fall in der Fernsehsendung „Aktenzeichen XY ungelöst...“ gezeigt. Ein Zuschauer war sich sicher: Der gezeigt Mann ist Anton Ralla. Wenig später stand die Polizei vor der Katholischen Schule.

Plötzlich steht die Polizei vor der Tür

Anton Ralla ist heute noch fassungslos. „Es war am 16. November, ein Freitag. Ich war bei der Arbeit in der Katholischen Schule, als plötzlich zwei Männer in Zivil vor mir standen. Unter den Jacken waren ihre schusssicheren Westen mit der Aufschrift Polizei zu sehen“, erzählt der 59-jährige Schwarzenbeker. Schnell war ihm klar, worum es ging. Wenige Tage zuvor lief im Fernsehen der Bericht über einen Einbruch und einen EC-Kartenbetrug bei „Aktenzeichen XY... ungelöst“. Der Täter sieht ihm zum Verwechseln ähnlich. „Ich habe den Beitrag nicht gesehen, aber mein Sohn. Er wies mich per Whatsapp auf den Bericht hin und fragte scherzhaft, ob ich das sei“, erinnert sich der Schwarzenbeker.

Polizeifotograf äußert Zweifel

Den Tipp seines Sohnes, zur Polizei zu gehen und seine Unschuld zu bekunden, ignorierte Ralla. Wenig später stand die Polizei vor seinem Hausmeisterbüro an der Chrysanderstraße 40. „Die Beamten waren sehr korrekt und den Umständen entsprechend freundlich. Sie durchsuchten mein Büro, mein Haus in Schwarzenbek und dann ließen sie mich in Ratzeburg in der Direktion fotografieren. Der Polizeifotograf war der erste, der Zweifel äußerte. Kurz vor Mitternacht war ich wieder zu Hause“, so Ralla.

Zeuge will Ralla sicher erkannt haben

„Aufgrund der Veröffentlichung des Video- und Bildmaterials war ein Zeugenhinweis eingegangen. Der den Hinweis gebenden Person ist Herr Ralla seit vielen Jahren bekannt, und die Person war sich sicher, ihn wiedererkannt zu haben“, erklärt Dr. Ulla Hingst, Sprecherin der Lübecker Staatsanwaltschaft. Weitere Ermittlungen hätten ergeben, dass Ralla auch die Kanzleiräume des geschädigten Rechtsanwalts kannte. „Ich war kurz vor dem Einbruch mit meiner Nachbarin bei diesem Anwalt. Das ist ein dummer Zufall“, sagt der 59-Jährige, der seit acht Jahren in Schwarzenbek lebt.

Hausmeister klagt auf Wiedereinstellung

Mittlerweile hat ein Sachverständiger des Landeskriminalamtes (LKA) ausgeschlossen, dass Ralla und der Täter identisch sind. Außerdem wurden keine Spuren von ihm am Tatort gefunden. Was bleibt ist die Kündigung wegen Vertrauensbruchs. Das Bistum will wegen des laufenden Verfahrens dazu nicht Stellung nehmen. Ralla klagt vor dem Arbeitsgericht auf Wiedereinstellung: „Ich liebe meinen Beruf, möchte dort gern weiter arbeiten.“