Rülau

Warum diese Angst vor der Wildnis?

Foto: Stefan Huhndorf / Huhndorf

Schwarzenbek. Immer wieder regen sich Proteste gegen die Stfitung Naturschutz. Die Organisation kaufte den Rülauer Forst, um ihn in einen naturnahen Urwald umzuwandeln. Eine Studentin will durch eine Umfrage nun die Gründe für den Widerstand herausfinden.

Umweltschutz ist das Zukunftsthema. Trotzdem hat die Stiftung Naturschutz seit dem Kauf des Rülauer Forstes (mittlerweile Rülauer Holz) mit massiven Widerständen zu kämpfen. Proteste gegen die Furten auf Wanderwegen, Fällungen und Einschränkungen im Wanderwegenetz begleiten Revierförster Eckard Wenzlaff seit 2008, als die Umgestaltung des Wirtschaftsforstes in einen naturnahen Urwald begann.

„Das Wort Wildnis schürt anscheinend Ängste bei den Menschen. Wir würden gern erfahren, was wir in Zukunft bei diesem und anderen Projekten besser machen können“, sagte Wenzlaff gestern bei einem Ortstermin im Wald. Mit dabei: Janna Ruge. Die Studentin der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde hat sich dieses Projekt für ihre Master-Arbeit ausgesucht, mit der sie ihr Studium beenden möchte.

Die 30-Jährige thematisiert die Urwaldentwicklung in Deutschland und setzt dabei den Schwerpunkt auf das 300 Hektar umfassende Rülauer Holz. „Das ist das erste realisierte Projekt dieser Art. Ich nehme an, dass die Akzeptanzprobleme auch darin begründet liegen, dass der Wald so dicht am Stadtrand liegt. Viele Schwarzenbeker nutzen ihn als Naherholungsgebiet direkt vor der Haustür“, so die Wissenschaftlerin. Genaueres soll eine Umfrage ergeben, die die gebürtige Ahrensburgerin jetzt starten will.

An den drei Zugängen zum Wald wird es Infokästen und Fragebögen geben. Außerdem wird sie selbst im Wald Spaziergänger ansprechen und auch in der Schwarzenbeker Innenstadt Passanten nach der Akzeptanz für den Urwald befragen. Dabei können die Befragten auch eigene Ideen einbringen, was sie persönlich von einem Urwald erwarten. „Es ist wichtig, dass das Projekt positiv begleitet wird, denn es ist eine historische Chance, Naturprozesse frei ablaufen zu lassen und erlebbar zu machen“, ist Janna Ruge überzeugt.

Die Umgestaltung des Wirtschafts- in einen Urwald ist ein Prozess, der sich über Jahrzehnte hinziehen wird. Aber erste Spuren sind bereits jetzt erkennbar. „Die Wege wachsen langsam zu, schwere Fahrzeuge sind hier nicht mehr unterwegs“, sagte Eckard Wenzlaff, als er gestern mit Janna Ruge einen ersten Rundgang durch den Wald unternahm. Gut einen Meter hoch wachsen die Brennnesseln am Wegesrand. Auch der Anteil an Totholz auf dem Boden nimmt deutlich zu. Ebenso bilden sich im Wald zahlreiche Feuchtgebiete, die künftig Tieren als Lebensraum dienen werden.

Chronik

September 2008: Die Stiftung Naturschutz erwirbt den 300 Hektar großen Rülauer Forst von einer Erbengemeinschaft für rund drei Millionen Euro. Auch die Stadt war an einem Kauf interessiert.
15. November 2008: Bei einem ersten runden Tisch entkräftet Stiftungsgeschäftsführer Walter Hemmerling Befürchtungen, der Wald werde für Spaziergänger gesperrt. Auch Ängste von Anwohnern vor einer explosionsartigen Vermehrung der Wildschweine im naturbelassenen Wald seien unbegründet, so Hemmerling.
8. März 2009: Nach einem Aufruf der Naturschutzorganisation Wikiwoods pflanzen 20 Umweltschützer aus ganz Deutschland 1400 Eschen, Erlen und Buchen.
18. Dezember 2009: Aufreger: Im Urwald befreien Bauhof-Mitarbeiter Wanderwege von Blättern und Zweigen.
22. Januar 2010: Beim runden Tisch im Rathaus stellt Revierförster Eckhard Wenzlaff das Konzept der Stiftung vor: 17 von 27 Kilometer Wanderwegen sollen erhalten, Totholz soll liegen bleiben und Regenwasser nicht mehr abfließen.
4. Februar 2010: Anwohner Adalbert Czudny hat 13 gefällte Eichen und 18 Buchen gezählt, die von der Stiftung im Zuge der Wegesicherungspflicht gefällt wurden. Eine Bürgerinitiative will weitere Fällungen verhindern.
13. August 2010: Im Wald werden Nadelbäume als Vorbereitung der geplanten Vernässung gefällt.