SH und HH

Neue Retter für Hund, Katze & Co im Einsatz

Die neue Tiernotfallsanitäterin Dunja Hönig mit ihrem Hund Stuart vor dem Tierrettungswagen.

Die neue Tiernotfallsanitäterin Dunja Hönig mit ihrem Hund Stuart vor dem Tierrettungswagen.

Foto: Stephanie Rutke

„Tier-Notruf“ nimmt nun seine Arbeit in der Region auf, zunächst mit einem Rettungswagen. 18 neue Tiernotfallsanitäter ausgebildet.

Aumühle. Für Haustierbesitzer und ihre Vier- und Zweibeiner gibt es ein neues Angebot: Der „Tier-Notruf“ nimmt heute unter der Nummer 01805/01 92 92 seine Arbeit auf. Die Tierretter sind nach eigenen Angaben in Hamburg, den Kreisen Stormarn und Herzogtum Lauenburg, in Lübeck und im Kreis Segeberg im Einsatz. Damit sind Schleswig-Holstein und Hamburg nach Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Bayern die nächsten beiden Bundesländer, in denen diese Tierretter aktiv sind.

Gründer des „Tier-Notrufs“ ist Jörg Schlüter aus Wangerland. Standortleiter für das neue Einsatzgebiet ist der Hohenhorner Ernst Wieghorst. Der „Tier-Notruf“ kümmert sich um die medizinische Notfallversorgung verletzter und erkrankter Haustiere. Es handelt sich dabei allerdings nicht um eine tiermedizinische Versorgung.

18 neue Tiernotfallsanitäter im Kreis ausgebildet

Am letzten Juniwochenende wurden in Mölln 18 neue Tiernotfallsanitäter ausgebildet. Eine von ihnen ist die Aumühlerin Dunja Hönig. Die 50-Jährige ist zweifache Hundebesitzerin und engagiert sich jetzt für den „Tier-Notruf“. „Ich komme aus der Rettungshundearbeit“, erklärt sie. Ihr zehnjähriger Wendländer-Mix Beau ist ausgebildeter Rettungshund und in der Flächen- und Trümmersuche geprüft. „Mittlerweile ist Beau taub und deshalb in Rente“, erzählt Hönig. Sie wollte wieder aktiv in der Tierrettung arbeiten und hat über Facebook vom „Tier-Notruf“ erfahren. „Ich war beim Infoabend und wusste sofort ,Das ist es’“, sagt sie. Zurzeit arbeitet Dunja Hönig, die auch eine Ausbildung zur Medizinisch-Technischen Assistentin absolviert hat, im Büro auf einer Dreiviertel-Stelle. Sie ist dort außerdem ausgebildete Ersthelferin. Beim „Tier-Notruf“ ist sie jetzt als Mini-Jobberin angestellt.

Wegen der Corona-Krise hat die bisherige Ausbildung online stattgefunden, jetzt kam die Praxis hinzu. „Das Wochenende war sehr anstrengend mit enorm viel Input“, zieht sie Bilanz. Die Abschlussprüfung wird online abgelegt, und die ersten Einsätze sollen eine Woche lang von einem erfahrenen Retter begleitet werden. Für die nächste Stufe der Ausbildung muss Dunja Hönig noch bei 20 Einsätzen medizinische Erfahrungen sammeln und eine Woche lang bei einer Tierärztin hospitieren, bevor sie selbst als Tierretterin ins Auto steigt.

Im Landkreis Deggendorf bis zu 1200 Einsätze im Jahr

Dafür steht ein komplett ausgestatteter Krankenwagen bereit: Von der Transportliege mit Vakuummatratze über ein Beatmungsgerät bis zum Transportkäfig ist für die verletzten Tiere alles vorhanden. „Wir werden gerufen, wenn zum Beispiel ein Hund zu Hause kollabiert und der Halter nicht in der Lage ist, das Tier zum Tierarzt oder in die Tierklinik zu bringen“, erklärt Mario Renz. Er ist als Ausbilder aus Niederbayern für das Wochenende nach Mölln gekommen, um die neuen Kollegen zu schulen. „Bei mir im Landkreis Deggendorf mit seinen rund 120.000 Einwohnern fahren wir bis zu 1200 Einsätze im Jahr“, erklärt er. Für das neue Einsatzgebiet in Norddeutschland sehen die Tierretter deshalb auch viel Bedarf, weil es ein vergleichbares Angebot hier nicht gibt, wie Wieghorst sagt.

Die Einsätze der Tierretter werden über die zentrale Leitstelle in Friesland koordiniert. „Zunächst telefonieren wir mit dem Tierhalter, fahren hin, erkunden die Lage und bringen dann das erkrankte Tier zum Tierarzt oder in die Klinik“, erklärt er. Die Kosten dafür trägt der Halter. Sie liegen pro Einsatz in der Regel zwischen 80 und 150 Euro. Der Krankenwagen ist besetzt mit einem Tierunfallsanitäter als Fahrer und einem ebenfalls ausgebildeten Beifahrer. Das ist in Zukunft unter anderen der Platz von Dunja Hönig.

Kein Ersatz für den Tierarzt, keine Konkurrenz

Der Tierrettungswagen ist rund um die Uhr und an allen Wochentagen im Einsatz. Für die kommerziellen Einsatzfahrten gelten keine Sonderrechte und Martinshorn darf ebensowenig benutzt werden.

Die Teams sind in feste Schichten eingeteilt. Ziel ist es, dass der Wagen immer bei dem Helfer zu Hause steht, der gerade im Dienst ist. Sollte das nicht möglich sein, startet Dunja Hönig im Privatwagen zum Einsatz. Sie hat im Auto einen Notfallkoffer mit Erste-Hilfe-Material. „Das reicht vom speziellen Verbandmaterial für Tiere über Medikamente, Infusionen, Spritzen bis zum Intubationsbesteck“, erklärt sie. Auch ein Beatmungsgerät, ein Blutzuckermessgerät, Pulsoxymeter, Stethoskop und Fieberthermometer hat sie dabei. „Wir sind bei der Hamburger Polizei gelistet und mit den Tierschutzvereinen in Hamburg und Mölln in Kontakt“, erklärt Wieghorst. „Und wir sind weder Ersatz für den Tierarzt noch dessen Konkurrenz.“ Ihre Aufgabe sei allein der sichere Transport des stabilisierten Tieres zum Tierarzt.

Die Idee ist gut, aber reicht die Umsetzung aus?

Die Reinbeker Tierärztin Ute Baron findet einen Tier-Notruf gut, denkt dabei aber auch an herrenlose Tiere oder Wildtiere, die von einem Auto angefahren werden. „Für sie muss die Finanzierung geklärt sein“, sagt sie. „Außerdem sollte der Notruf wissen, wie er die Tierärzte der Region erreicht.“ Karen Schönbrodt, Vorsitzende der Tierrechtsorganisation Einhorn, gefällt die Idee eines Tier-Notrufs ebenfalls. Denn leider würden kaum noch Tierärzte einen Notdienst anbieten.

Allerdings bezweifelt sie, ob das Angebot ausreicht, also ob der Wagen schnell genug vor Ort ist. „Das ist vielleicht eine gute Idee, wenn man zu nervös ist, um mit einem verletzten Tier zum Tierarzt zu fahren oder für Tierhalter, die keinen Führerschein haben“, sagt die Tierschützerin. „Es kann schrecklich sein, wenn man ein womöglich blutendes Tier allein zum Arzt fahren muss. Ansonsten würde ich denken, dass ich mit meinem Tier im eigenen Wagen schneller in der Klinik bin, wenn ich nicht erst auf einen Rettungswagen warten muss.“

Laut Jörg Schlüter kann es je nach Einsatzort 15 bis 60 Minuten dauern, bis der Wagen eintrifft. Tatsächlich ist für das gesamte Gebiet bisher nur ein Wagen vorgesehen. „Wir müssen abwarten, wie die Resonanz ist“, sagt Schlüter. „Damit sich ein Tierrettungswagen lohnt, muss er mindestens 15-mal pro Monat gerufen werden.“ Ziel sei es, ein größeres Team aufzubauen. Mehr online unter www.tier-notruf.de