Seniorenheim

Verzweiflung über Besuchsregelung für Corona-Überlebende

Bis 20. Mai lebte die Seniorin bei ihrer Tochter zu HausePriva

Bis 20. Mai lebte die Seniorin bei ihrer Tochter zu HausePriva

Foto: Privat / Susanne Tamm

Auflagen sind für alle hart – Auch für Antikörper-Träger gibt es keine Ausnahme.

Wentorf. Niemand will im Alter allein sein und niemand möchte seine Eltern oder seinen Partner im Alter allein lassen – doch genau diese Selbstverständlichkeiten leiden in Zeiten der Corona-Pandemie. Deutlich eingeschränkte Besuchsregeln hindern viele Menschen daran, ihre Angehörigen in Senioren-Einrichtungen zu besuchen oder sie gar zu berühren. Die alten Menschen so isoliert zu sehen – das tut weh. Unverständlich wird es, wenn nach Einschätzung der Betroffenen kein Risiko für Ansteckung besteht.

Einen derartigen Fall gibt es jetzt in Wentorf. „Es lässt uns verzweifeln, dass wir unserer Mutter nicht beistehen können“, sagt eine der Töchter der 93-jährigen Corona-Überlebenden. Vier Kinder hat sie großgezogen, einiges erlebt. Zum Schluss hat sie sich im Seniorenwohnsitz am Sachsenwald noch mit Covid-19 infiziert. „Zum Glück hatte sie außer erhöhter Temperatur kaum Symptome“, erzählt ihre 54-jährige Tochter. „Doch das Virus hat sie stark geschwächt.“ Sie nehme kaum noch etwas zu sich.

Mittlerweile genesen

Die 54-Jährige arbeitete als Aushilfe in dem Seniorenwohnsitz mit, damit sie bei ihrer an Demenz erkrankten Mutter bleiben konnte. Auch sie hat sich schließlich dort infiziert, ist aber ebenso wie die 93-Jährige mittlerweile wieder genesen. Das Kreisgesundheitsamt, das die Einrichtung zwischenzeitlich geführt hatte, hat den Seniorenwohnsitz schließlich geschlossen – ein erneuter Schlag für die Familie, sollte er doch eigentlich das letzte Zuhause ihrer Mutter sein.

Da dass Kreisgesundheitsamt für die 93-Jährige nur eine geschlossene Abteilung in Ratzeburg vorschlug, entschieden die Angehörigen, dass sie vorerst zu ihrer 54-jährigen Tochter nach Bergedorf ziehen sollte. „In Ratzeburg sollte sie in ihrem Zimmer eingeschlossen werden“, berichtet ihre Schwester (58). „Das kam für uns nicht infrage.“ Es sei offensichtlich gewesen, dass die 93-Jährige das Bedürfnis nach Kontakt gehabt habe: „‘Kannst Du bitte zu mir kommen?’ hat sie immer wieder gefragt“, erzählt die jüngere Schwester. Diese Bitte können die Töchter ihr seit dem 20. Mai nicht mehr erfüllen. Seitdem ist die Seniorin im Tiele-Winckler-Heim in Quarantäne. „Telefonieren empfindet sie leider nicht mehr als Zuwendung“, erklärt ihre jüngere Tochter. „Das geht nur noch über direkte Ansprache und Körperkontakt.“

Eine halbe Stunde in der Woche

Heute ist es endlich soweit: Die ältere der Töchter darf ihre Mutter, erstmals seit dem 20. Mai endlich wieder sehen – immerhin für eine halbe Stunde in der Woche und hinter einer Plexiglasscheibe. Die 58-Jährige und ihre drei Geschwister konnten es kaum glauben, dass ihnen der Besuch bisher verwehrt worden ist – obwohl sowohl die 93-Jährige als auch zwei der insgesamt vier Kinder mittlerweile von Covid-19 wieder genesen sind und laut ärztlichen Attesten auch Antikörper aufweisen.

Tatsächlich ist die Frage, ob Antikörper-Träger andere infizieren können, von der Wissenschaft noch nicht abschließend beantwortet. Die Besuchsmöglichkeiten in Seniorenheimen sind laut Erlass des Landes Schleswig-Holstein und der Allgemeinverkündung des Kreises Herzogtum Lauenburg an Auflagen gebunden. „Eine Ausnahme ist bisher nicht vorgesehen“, bekräftigte Karsten Steffen, stellvertretender Sprecher des Kreises, gestern.

Michael Schulz, Leiter des Mutter Eva von Tiele-Winckler-Pflegeheims, in dem die Seniorin heute lebt, sagte gestern: „Ich kann die Angehörigen so gut verstehen und wir versuchen, trotz Corona alles zu ermöglichen, was geht.“ Doch Ausnahmen dürfe er nicht machen: Sollte sich doch jemand infizieren und er habe die Auflagen nicht erfüllt, müsse er persönlich haften.

Ohne Konzept gilt das Besuchsverbot

Nach wie vor gelte in Schleswig-Holstein das Besuchsverbot – es sei denn, es gebe ein Besuchskonzept, das strikt eingehalten werden müsse. 53 Mitarbeiter in Schichtdienst sind nicht allein damit beschäftigt, die 70 Bewohner, darunter etwa 50 mit Demenz, zu pflegen und zu betreuen, sondern auch die Besuche zu ermöglichen.

Dies sei nur im Garten, im Besucherzimmer mit Zugang von der Terrasse oder über ein auf Kipp gestelltes Fenster gestattet. „Unsere Mitarbeiter müssen jetzt das Zimmer vorbereiten, die Besucher unterweisen, befragen und kontrollieren sowie die Bewohner zum Treffpunkt begleiten, oft auch beim Besuch unterstützen“, erläutert Michael Schulz. „Und nebenbei sollen sie auch noch die Bewohner versorgen. Zurzeit leisten unsere Mitarbeiter wirklich Außerordentliches.“ Die Töchter der Bewohnerin sind sicher: „Wir glauben, dass sie dort gut gepflegt wird. Die Mitarbeiter tun bestimmt alles, was sie können“, sagt die Ältere. „Zu Hause können wir eine solch professionelle Betreuung gar nicht gewährleisten. Aber uns rennt die Zeit davon.“

Zu Einzelfällen nicht äußern

Die Beschränkung auf eine halbe Stunde ist im Erlass aus Kiel nicht vorgeschrieben. Christian Kohl, Sprecher des Sozial- und Gesundheitsministeriums, wollte sich nicht zu Einzelfällen äußern, bestätigte jedoch, dass die Angehörigen ihre Senioren zwei Stunden täglich besuchen dürften. Michael Schulz begründet die Beschränkung mit organisatorischen Gründen: Damit die Angehörigen aller Senioren die Chance haben, in die Einrichtung zu kommen, um ihren Vater, die Mutter, den Partner zu sehen, sei die Zeit auf eine halbe Stunde begrenzt.

Michael Schulz hofft auf den nächsten Erlass und dass wieder Besuche am Bett alter Menschen möglich werden. Viele Senioren mit Demenz könnten nicht verstehen, warum sie Abstand halten müssten. Er versichert: „Das ist für alle schrecklich anzusehen, auch für die Mitarbeiter.“ Eine Ausnahme gebe es allerdings: „Wird eine palliative Versorgung nötig, werden die Angehörigen sofort angerufen und können kommen.“ Die Töchter sind verzweifelt: „Soll unsere Mutter nun an Einsamkeit sterben?“