Wissenschaftliche Erkenntnisse

St.-Adolf-Stift beantragt Langzeit-Corona-Studie

Chefarzt Prof. Dr. Tim Strate und Assistenzarzt Dr. Jonas Herzberg vom Krankenhaus Reinbek haben eine Langzeitstudie beim Bundesforschungsministerium beantragt. Sie möchten ein Jahr lang die Mitarbeiter des St. Adolf-Stift wöchentlich auf SARS-CoV-2 und Antikörper testen.

Chefarzt Prof. Dr. Tim Strate und Assistenzarzt Dr. Jonas Herzberg vom Krankenhaus Reinbek haben eine Langzeitstudie beim Bundesforschungsministerium beantragt. Sie möchten ein Jahr lang die Mitarbeiter des St. Adolf-Stift wöchentlich auf SARS-CoV-2 und Antikörper testen.

Foto: Andrea Schulz-Colberg / KH Reinbek / BGZ

Die Reinbeker Klinik testet seit April einen Großteil der 1100 Mitarbeiter auf das Coronavirus. Erkenntnisse werden für eine Studie dokumentiert.

Reinbek. Mehr als vier Millionen Menschen haben sich laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) weltweit mit Covid-19 infiziert. Etliche Menschen, die die Infektion ohne es zu wissen überstanden haben, sind nicht inbegriffen. Über die Höhe der Dunkelziffer gehen die Studien auseinander. Das Reinbeker St.-Adolf-Stift will sich dieser Frage nähern und schiebt eine eigene Studie an. 16 Beschäftigte der Klinik wissen jetzt, was sich viele Deutsche fragen: Sie haben Covid-19 wohl bereits überstanden.

Um Patienten und Mitarbeiter des St.-Adolf-Stift vor einer Infektion zu schützen, hatte die Klinik Anfang März mit vorsorglichen Tests begonnen. Bei Mitarbeitern mit Erkältungssymptomen wurde ein Abstrich genommen. Außerdem wurden alle Beschäftigten der Covid-Stationen inklusive Reinigungspersonal wöchentlich auf das Virus getestet. „Das reichte uns aber nicht: Seit Ostern ermöglichen wir allen Beschäftigten verdachtsunabhängig, sich regelmäßig testen zu lassen. Mittlerweile machen fast 850 der rund 1100 Beschäftigten aus allen Arbeitsbereichen mit“, sagt Prof. Dr. Tim Strate, Chefarzt der Chirurgischen Klinik am St.-Adolf-Stift. Die meisten von ihnen lassen sich zudem freiwillig wöchentlich oder vierwöchentlich zur Untersuchung Blut abnehmen.

16 Mitarbeiter haben Antikörper

Bei den wöchentlichen Untersuchungen sind in den ersten vier Wochen bei rund 3500 Tests zwei Mitarbeiter positiv auf das Coronavirus getestet und sofort in Quarantäne geschickt worden, erklärt die Klinik-Sprecherin Andrea Schulz-Colberg. Bei 16 Mitarbeitern seien Antikörper im Blut nachgewiesen worden. Strate: „Nur 0,16 Prozent unserer Belegschaft hatten also zum Testzeitpunkt eine unentdeckte Infektion, und weniger als zwei Prozent haben bislang Antikörper, die darauf hinweisen, dass sie eine Infektion mit oder ohne Symptome durchgemacht haben. Da kann man auch Rückschlüsse auf die Allgemeinbevölkerung und die Dunkelziffer ziehen. Denn wir führen Messungen bei Menschen durch, die sonst nie einen Test erhalten würden.“ Weil Strate eine große Wissenslücke über die Verbreitung des Virus sieht, hat er gemeinsam mit einem Team im Krankenhaus eine Langzeitstudie entwickelt.

Dr. Jonas Herzberg, Studienarzt für das Projekt, sagt: „Wir haben hier ideale Voraussetzungen, über ein Jahr lang wöchentlich zu schauen: Wie entwickelt sich die Epidemie in Deutschland und insbesondere in einem Krankenhaus. Welche Auswirkungen haben etwa die Einführung oder die Lockerung von Beschränkungen.“ Letztlich sind die Mitarbeiter Teil des gesellschaftlichen Lebens. „Auch sie kaufen ein, haben Kinder, die wieder zur Schule gehen, oder lassen sich beim Friseur die Haare schneiden und setzten sich damit – wie alle anderen – einem gewissen Risiko aus.“

Aussagen über die Immunität durch Bluttests

Zusätzlich zum wöchentlichen Status wird auch Blut der Probanden eingefroren, um in Zukunft bei besseren Antikörpertests rückwirkend zu schauen, wann sich die Immunreaktion gezeigt hat und wie lange Antikörper nachweisbar sind. Damit könnte man künftig auch wichtige Aussagen zur Immunität von Menschen machen, so Strate.

Aktuell liegen beim Landes- und Bundesforschungsministerium sowie einigen Stiftungen Anträge zur Finanzierung der Studie über zwölf Monate vor. Denn das wöchentliche Testen ist teuer. Obwohl das Krankenhaus mit dem Laboratorium des Herz- und Diabeteszentrums der Universitätsklinik Bochum von Prof. Dr. Cornelius Knabbe einen starken und in der Forschung mit Covid-Antikörper erfahrenen Partner gewinnen konnte, der in seinem großen Labor günstige Konditionen anbietet. Über die Gesamtsumme hält sich das Krankenhaus bedeckt.

Klinik rechnet sich gute Chance für Förderung aus

Solange über die Anträge noch nicht entschieden ist, gibt das Adolf-Stift eine großzügige Anschubfinanzierung bis Ende Mai. Prof. Strate rechnet der Klinik durch die „zahlreichen positiven Effekte für die Bevölkerung, Patienten, Mitarbeiter und die Wissenschaft“ gute Chancen für eine öffentliche Finanzierung aus. „Die Gesellschaft erhält belastbare Daten und unsere Patienten können darauf vertrauen, dass sie aufgrund der intensiven Testung besonders sicher vor einer Ansteckung sind.“

Operationen wieder möglich

Nach einem Appell durch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) kehren Krankenhäuser im Mai schrittweise in den Regelbetrieb zurück. „Sie dürfen wieder geplante Eingriffe vornehmen, da die Zahl der Corona-Patienten, die krankenhauspflichtig sind, sehr gering ist“, erklärt die Sprecherin des St.-Adolf-Stifts, Andrea Schulz-Colberg. Notfallpatienten und Patienten, deren Operationen abgesagt worden waren, könnten sich im St.-Adolf-Stift sicher fühlen, sagt Chefarzt Prof. Dr. Tim Strate. Die Klinik ergreife alle Maßnahmen, damit sich Patienten nicht infizieren.