Bullenhuser Damm

Ermordete Kinder: Die Geschichte des Sergio De Simone

Sergio De Simone (7, Mitte) ist einer der Jungen und Mädchen, die Opfer von medizinischen Experimenten in Hamburg wurden. Hier ist er zu sehen mit seinen Cousinen Andra und Tatiana. Seine Cousinen überlebten den Krieg.

Sergio De Simone (7, Mitte) ist einer der Jungen und Mädchen, die Opfer von medizinischen Experimenten in Hamburg wurden. Hier ist er zu sehen mit seinen Cousinen Andra und Tatiana. Seine Cousinen überlebten den Krieg.

Foto: KZ-Gedenkstätte Neuengamme / Neuengamme

Die in Reinbek aufgewachsene Autorin Ulrike Schimming gedenkt der Kinder vom Bullenhuser Damm in einer emotionaler Novelle.

Reinbek. Es ist ein düsteres Kapitel, das die in Reinbek aufgewachsene Ulrike Schimming öffnet. In ihrem neuen Buch behandelt die Autorin eine Geschichte, die sie gepackt hatte, drei Jahre intensiv beschäftigte und bis heute nicht loslässt. Genau 75 Jahre ist es her, dass 20 jüdische Kinder kurz vor Kriegsende durch die SS ermordet wurden. Anhand des Schicksals des italienischen Jungen Sergio De Simone erinnert Ulrike Schimming an die Verbrechen an den Kindern vom Bullenhuser Damm.

Ulrike Schimming wohnt in Hamburg. Regelmäßig fährt sie an der Gedenkstätte in dem ehemaligen Schulgebäude vorbei. Lange Zeit hatte sie nichts darüber gewusst, was hier geschehen war. Bis sie an einem Tag genauer hinschaute und die Ausstellung besuchte. „Und dann lässt es einen nicht mehr los“, sagt sie. Schon bald war Schimming, die auch als Lektorin und Übersetzerin tätig ist, entschlossen, die Erinnerung an die Verstorbenen lebendig werden zu lassen.

Kapitel aus Sicht von Gefährten und Angehörigen geschrieben

Aufgrund ihrer Verbundenheit zu Italien – unter anderem in Florenz hatte sie Italianistik, Germanistik und Philosophie studiert – war es Sergio De Simone, dem ihre besondere Aufmerksamkeit galt. Denn italienische Fachliteratur versteht sie, kann sich mit Zeitzeugen und Angehörigen des Jungen, der nur sieben Jahre alt wurde, austauschen. Dennoch widmet sie jedem heute bekannten Opfer ein Kapitel in ihrer Novelle.

Einzigartig macht „Der Schritt – Das Martyrium der Kinder vom Bullenhuser Damm“ die erzählerische Herangehensweise. Ulrike Schimming begleitet Sergio De Simone auf seiner Flucht aus Neapel im Juli 1943 und bei seiner Ankunft in Neuengamme im November 1944 – die Etappen werden aus Sicht des Jungen, aber vor allem aus Sicht seiner Gefährten und Angehörigen, wie etwa der Mutter Gizella, beschrieben. Auch in den Kopf Dr. Kurt Heißmeyers, der grausame Experimente an den Kindern vornahm, wagt Schimming einen Blick: „Ich versuche zu interpretieren, warum ein Mensch so etwas macht.“

Gizella glaube bis zum Schluss, sein Sohn würde leben

Bewusst nicht chronologisch, beginnt die Novelle zwar mit der Flucht aus Italien, widmet sich jedoch erst auf den letzten der 188 Seiten dem Schlüsselmoment, der das Martyrium in Neuengamme einleitete, und der im Titel des Buches angedeutet wird. „Wer von euch will zu seiner Mama zurück? Alle, die das wollen, treten einen Schritt vor“, fragt der Arzt die Kinder in Auschwitz. Sergios Vortritt, und der der 19 anderen Kinder, ist der Schritt, der später sein Schicksal besiegeln wird. Eine perfide Masche, für die die Autorin kaum Worte finden kann. „Seine Cousinen hatten ihn davor gewarnt“, sagt Schimming, die die Italienerinnen während ihrer Recherche kennenlernte.

Fakten und Recherche liegen immer zugrunde, die Fiktion greift in Versuchen, Handeln und Gedanken nachzuvollziehen. Sie findet sich auch in Unterhaltungen zwischen Sergio und seiner Mutter, die bis zu ihrem Tod 1984 geglaubt hatte, ihr Sohn würde noch leben. Über das, was damals geschehen war, hatte sie nicht einmal mit ihrem Sohn Mario (74) gesprochen, wie Ulrike Schimming erfuhr.

Autorin hofft, Geschehenes wiederholt sich nicht

Der emotionale, nahe Blick auf die Geschichte war der Autorin wichtig. Sie ist sich bewusst, ihr Werk ist keine „einfache Lektüre“. Doch so bleibt das, was geschehen war, in Erinnerung – und vor allem, es wiederholt sich nicht, so Ulrike Schimmings Hoffnung.

Zehrend und emotional war die Arbeit an der Novelle für die Autorin, und nicht immer frei von Zweifeln. Wie weit darf Literatur gehen? Ist es anmaßend, aus der Sicht des toten Jungen zu schreiben? Ulrike Schimming hatte Kontakt zur Familie De Simone aufgenommen, traf Sergios jüngeren Bruder Mario in einem Café in Barmbek, um sich „seinen Segen“ zu holen. „Überrascht darüber, aber auch dankbar“ sei der gewesen. Mario de Simone und seine beiden Cousinen Andra und Tatiana hätte Ulrike Schimming heute auf der Gedenkfeier am Bullenhuser Damm getroffen. Doch die Feier muss aufgrund der Coronakrise ausfallen und soll 2021 nachgeholt werden. Virtuell gedenkt die Autorin heute in einer Videolesung auf dem Videoportal YouTube.

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Ulrike Schimmings Buch (ISBN 9783750292505) ist online und über alle Buchhandlungen für 10 Euro erhältlich.