Café der Erinnerungen

Angst vor den Engländern und rohe „Kriegsananas“

Café der Erinnerungen: Sachsenwaldschüler sprechen mit Bewohnern des Augustinums.

Café der Erinnerungen: Sachsenwaldschüler sprechen mit Bewohnern des Augustinums.

Foto: Stephanie Rutke

Senioren berichten Schülern von ihren Erlebnissen um das Kriegsende 1945. Sie wollen ein Theaterstück daraus machen.

Aumühle/Reinbek. Der 91 Jahre alte Otto Diehn ist einer der letzten Wohltorfer Zeugen der Zeit um das Kriegsende. „Wir haben mit 20 Leuten im Keller der Dorfschule gesessen, als die Schule am 3. Mai 1945 beschossen wurde“, erzählt er. Aenne und Lina, beide 15 Jahre jung, hören im „Café der Erinnerungen“ gebannt zu. Es war gestern die zweite Veranstaltung der Reihe „75 Jahre Kriegsende – Frieden“.

Zehntklässler des Sachsenwaldgymnasiums trafen sich mit Senioren, um über deren Erfahrungen und Erinnerungen an die Zeit um 1945 zu sprechen. Jeden Morgen habe er als 16-Jähriger kurz vor Kriegsende gewartet, ob er noch eine Einberufung erhält, erzählt Diehn. Die sei zum Glück ausgeblieben. „Ich habe dann die Kinder im Dorf unterrichtet“, erinnert er sich.

Im gleichen Alter wie ihre Gesprächspartner damals

„Die Kriegserlebnisse hier von Menschen zu hören, die das alles selbst erlebt haben, ist für mich merkwürdig und faszinierend zugleich“, sagt Kathrin (16). Die Schüler sind im gleichen Alter wie damals ihre Gesprächspartner. Die Jugendlichen sind sehr interessiert an dieser Zeit, die sie sich selbst nicht mehr vorstellen können.

Am Nachbartisch sitzt die Aumühlerin Marianne Dittrich (80), ins Gespräch vertieft mit Isabell und Arthur. „Ich war bei Kriegsende sechs Jahre alt und hatte Angst vor den Engländern“, erzählt sie den 15-Jährigen. Als ein Gewehrlauf an der Tür zu sehen gewesen sei, habe ihre couragierte Mutter geöffnet: „Wir hatten Glück, der englische Offizier sprach deutsch und hat uns gut behandelt.“

„Niemand war begeistert, Flüchtlinge aufzunehmen“

Wie es war, als die Flüchtlinge nach dem Krieg nach Aumühle kamen, möchte Arthur wissen. „Wir bekamen damals den Rat, die Möbel von der Wand in den Raum zu rücken, damit er kleiner wirkt“, erinnert sich Marianne Dittrich. Das habe natürlich keinen Einfluss gehabt. Auch bei ihr zu Hause wurden Flüchtlinge einquartiert. „Niemand war begeistert, sie aufzunehmen, aber wir haben einfach mit den Kindern gespielt.“ Auf eine wenig von Kriegserlebnissen geprägte Kindheit blickt Christine Bünger (90) zurück. „Ich habe damals mit meiner Familie in einem kleinen Ort an der Ostsee gewohnt“, erzählt sie. Jonathan (15), Magnus (14) und Sophia (16) hören gespannt zu. Wie die meisten ihrer Generation hat sie gehungert. „Wenn meine Großeltern uns Marmelade oder Kartoffeln mitgebracht haben, war das wunderbar.“ Manchmal gab es auch „Kriegsananas“. Sie erklärt: „Das waren Steckrüben, die der Ananas ein bisschen ähnlich sehen und roh gegessen wurden.“

Eindrucksvolle, hautnahe Erzählungen

Klaus Köpke hat seine Lebenserinnerungen als Buch mitgebracht. Dalina und Maite (beide 16) lauschen interessiert. „Es ist eindrucksvoll, alles hautnah erzählt zu bekommen“, sagt Maite. Sie stellt beeindruckt fest, wie unterschiedlich die deutsche Geschichte heute und vor 75 Jahren wahrgenommen wurde. „Als Achtjähriger war ich glücklich, dass Adolf Hitler den Anschlag auf sich überlebt hat“, verrät ihnen Köpke.

Im Fach „Darstellendes Spiel“ wollen die Jugendlichen zusammen mit Lehrerin Maike Stegmann die Geschichten der Senioren in Spielszenen umsetzen. Das Ergebnis präsentieren sie am Freitag, 24. April, um 19 Uhr im Gemeindehaus (Börnsener Straße 25) als „Abend der Erinnerungen“.