Erfahrungsaustausch

Hilfe in Reinbek: Wenn das Klingeln im Ohr quält

Ilse Vollmer, Erich Brockmann, Reinhardt Jennerjahn und Eckhard Bolsch (von links) lassen sich vom Tinnitus nicht unterkriegen und treffen sich regelmäßig in der Selbsthilfegruppe Tinnischluss.

Ilse Vollmer, Erich Brockmann, Reinhardt Jennerjahn und Eckhard Bolsch (von links) lassen sich vom Tinnitus nicht unterkriegen und treffen sich regelmäßig in der Selbsthilfegruppe Tinnischluss.

Foto: dörte hoffmann / Dörte Hoffmann

Tinnitus ist quälend, kann bis zur Arbeitsunfähigkeit führen. In Reinbek gibt es eine der wenigen Selbsthilfegruppen im Norden.

Reinbek. Ob Zischen, Hämmern, Klopfen, Klingeln, Pfeifen, Rauschen oder Summen: Es sind ganz unterschiedliche quälende Geräusche, die da plötzlich im Kopf zu hören sind. Wer nicht selbst betroffen ist, kann kaum nachvollziehen, was Menschen mit Tinnitus ertragen müssen.

Bei Reinhardt Jennerjahn kamen die ständigen Ohrgeräusche nach einem Hörsturz, den er vor mehr als 20 Jahren erlitt. „Damals hatte ich ziemlichen Stress“, erzählt der Sprecher der Selbsthilfegruppe Tinnitus Reinbek während eines Treffens im Seniorenheim Altenfriede. Das Hochtonpfeifen mit anfangs 85 Dezibel Lautstärke hat er inzwischen auf 65 Dezibel runterschrauben können.

Entspannungsübungen können helfen

In der Audiologie, der Wissenschaft vom Hören und der Hörwahrnehmung, wird die Einheit dB zur Messung der Intensität verwendet. Geholfen haben Reinhardt Jennerjahn Entspannungsübungen, Verhaltenstherapien, eine gesunde Lebensführung sowie die Aufklärung durch die Deutsche Tinnitus Liga und die Gespräche mit anderen Betroffenen in der von ihm vor zehn Jahren gegründeten Selbsthilfegruppe.

„Tinnitus ist nur ein Symptom, aber keine Krankheit“, sagt er und verweist auf die Deutsche Tinnitus-Liga e.V. (DTL), 1986 in Wuppertal gegründet. Sie vertritt als gemeinnützige Selbsthilfeorganisation die Interessen von Patienten mit Tinnitus, Hörsturz, Hyperakusis (Überempfindlichkeit gegenüber Schall) und Drehschwindel. Die Ursachen sind vielfältig: Stress, Hörsturz, Lärmschäden, aber auch Fehlstellungen im Kieferbereich.

Nach Zahnarzttermin begann der Tinnitus

Zum ersten Mal beim Treffen dabei ist eine Henstedt-Ulzburgerin. Vor zwei Monaten habe ihr der Zahnarzt mit sehr viel Kraft eine Brücke entfernt, eine Woche später begann der Tinnitus sie zu quälen. Lasern und Akupunktur habe sie schon ausprobiert. Sie könne nur noch mit starken Schlaftabletten zur Ruhe kommen und hofft nun auf den Austausch mit anderen. „Der Tinnitus treibt mich noch in den Wahnsinn“, verrät sie mit Tränen in den Augen.

Die Ohrgeräusche im eigenen Kopf, denen die Betroffenen sich oft ausgeliefert fühlen, zerren an den Nerven. Viele fühlen sich nicht ernst genommen. Die Belastung ist für Menschen, die den Tinnitus noch nicht erlebt haben, schwer nachzuempfinden. Dabei leiden jährlich etwa 340.000 Menschen neu darunter. Die Betroffenen in unserem Bericht wollen daher nur mit Vornamen in die Öffentlichkeit.

Andreas leidet seit rund 25 Jahren an Tinnitus, lief zu immer neuen Ärzten, erlitt schließlich einen Nervenzusammenbruch, weil ihm keiner helfen konnte und er sich unverstanden fühlte. Inzwischen ist der 58-jährige Facharbeiter arbeitsunfähig.

Einzige Selbsthilfegruppe im Süden des Landes

Renate, die seit fast 50 Jahren mit dem Tinnitus kämpft, findet in der Selbsthilfegruppe Trost und Hilfe. Bei ihr begannen die Ohrgeräusche mit einem gutartigen Gehirntumor. Die SHG Reinbek ist die einzige im Süden Schleswig-Holsteins. Der Erfahrungsaustausch mit anderen Betroffenen hat Ingrid sehr geholfen. „Jetzt bin ich eigentlich beschwerdefrei“, erzählt sie voller Dankbarkeit. „Die Teilnehmer der Gruppe kommen von weit her, denn lediglich in Kiel gibt es noch eine weitere Gruppe der Deutschen Tinnitus Liga (DTL)“, sagt Reinhardt Jennerjahn. Kontakt über www.tinnitus-liga.de.