Zeitlos aktuelle Malerei

Kunst einer 76-Jährigen spiegelt Fülle ihresLebens

Die Wentorferin Marie von Boudin malt in ihrem gesamten Haus: Unterm Dach, im Keller und in der Küche.

Die Wentorferin Marie von Boudin malt in ihrem gesamten Haus: Unterm Dach, im Keller und in der Küche.

Foto: Susanne Tamm

Marie von Boudin hat sich erst spät ihrer Malerei gewidmet, jetzt mit 76 Jahren stellt sie in einer Galerie aus.

Wentorf. Ihre Gemälde sprühen geradezu vor Energie und Lebensfreude: Marie von Boudin, wie die Wentorferin Marion Müller seit drei Jahren unter ihrem Künstlernamen heißt. Bemerkenswert ist, dass sie neben ihren vor Farben und Formen sprudelnden abstrakten Werken auch sehr kontrollierte, sowohl in altmeisterlicher Weise geschaffene Stillleben malt, die oft ins Fantastische, Surreale gleiten, als auch filigrane, asiatisch anmutende Arabesken und Ornamente zeichnet. „Das kommt alles aus meinem Innern“, stellt die 76-Jährige fest.“ Selbst wenn ich mich einschließen würde, hätte ich immer wieder neue Ideen.“

„Das bin alles ich – It’s all me“: So heißt auch ihre Ausstellung, die aktuell noch in der Galerie Anne Moerchen in Hamburg Harvestehude läuft.

Als sie eine Zeichnung ihres Vaters bekommt, geht ihr das Herz auf

Den Künstlernamen hat sie noch während ihres Studiums in Salzburg an der Leonardo Kunstakademie in der Meisterklasse von Professor Hannes Baier angenommen. „Er war genial, wir konnten ihn alles fragen“, sagt die 76-Jährige fast schwärmerisch. Ihr Professor habe angesichts ihrer künstlerischen Vielfalt einmal von ihrem Facettenreichtum im Geiste gesprochen. Diesem Studium waren bereits mehrere kürzere Malerei-Seminare an verschiedenen Orten vorausgegangen. „Ich hatte als junge Frau doch nichts gelernt“, erzählt sie. „Ich wäre gern Technische Zeichnerin geworden, aber ich habe bereits als 16-Jährige meine Mutter gepflegt, bis sie 1960 starb.“ Als 17-Jährige kam Marie von Boudin ins Waisenhaus. Bald darauf lernte sie ihren Mann kennen und zog mit ihm gemeinsam sechs Kinder groß.

Viel Zeit für Malerei oder Zeichnen hatte sie damals nicht, obwohl sie immer eine starke Neigung zur Kunst hegte. Einer ihrer größten Schätze ist eine Bleistiftzeichnung ihres Vaters, den sie bewusst nie kennengelernt hat. „Als eine Tante mir diese Zeichnung einer Stadtansicht schenkte, ging mir das Herz auf“, erzählt die 76-Jährige.

„Mir tat sich eine neue Welt auf“

Die ersten Kontakte zur Kunst sind zwar spärlich, aber prägend: Ein Porzellanmal-Kursus im Waisenheim, eine Ausstellung von Lyonel Feininger: „Die fand ich toll“, erinnert sie sich. „Diese unheimlich feine Zeichnung.“ Sie habe immer den Drang gehabt, es ihrem Vater gleich zu tun, nach seinem Vorbild immer gezeichnet und gemalt – allerdings nur im Privaten. „Das war ein Gefühl, das von innen kam“, versucht sie diesen Drang zu beschreiben. „Ich habe dabei einfach Freude empfunden.“ Erst in den 90er-Jahren habe sie dann für ihre Kinder Bilder gemalt, von denen einige heute noch in ihren Wohnungen hängen. Ihr Mann, der mittlerweile verstorben ist, habe sie immer unterstützt und gedrängt: „Du musst damit raus.“

Ein gemeinsamer Bekannter berichtete schließlich dem Reinbeker Wolfgang Mayer von Marie Boudins Gemälden. Als der ihre abstrakten Bilder erstmals sah, war er sehr angetan: „Mir tat sich eine neue Welt auf“, erzählt er. „Ihre Malerei erinnert mich stark an die abstrakte Malerei von Jackson Pollock und de Kooning.“

Ihre Werke sind noch bis 16. November zu bewundern

Diese Namen sagten Marie von Boudin nichts. Den blauen Reiter, die Expressionisten, die holländische Porträt- und Stilllebenmalerei kennt sie zwar, doch damals fragte sie: „Wer ist dieser Jackson Pollack?“ Mittlerweile hat sich das geändert. „Geben Sie mir Gerhard Richters Telefonnummer und ich frage ihn, ob wir zusammen ausstellen, scherzt die Wentorferin.

Wolfgang Mayer vermittelte der Wentorfer Künstlerin schließlich den Kontakt zu Anne Moerchen. Diese bot Marie von Boudin gleich eine Ausstellung in ihrer Galerie in Hamburg an der Maria-Louisen-Straße 27 an, wo ihre Werke noch bis zur Finissage am 16. November zu bewundern sind. Dort konnte die Wentorferin schon einige ihrer Gemälde verkaufen. Diese kosten von 5000 und 6000 Euro aufwärts. „Das ist eine Frage der Wertschätzung“, sagt Marie von Boudin. „Meine Bilder sind mir lieb und teuer, die gebe ich nicht für 1000 Euro weg.“ Es falle ihr sogar sehr schwer, ihre Gemälde zu verkaufen: „Dann sind sie weg und kommen niemals wieder.“

Wenn sie malt, vergisst sie die Zeit

Wer sie in ihrem Zuhause besucht, sieht sie überall: Sie hängen im Treppenhaus, im Flur, im Wohnzimmer, im Gästezimmer und in der Küche, sie stehen hinter dem Sofa, im Keller – das ganze Haus steckt voller Kunst. „Und ich male auch überall, wo mir gerade danach ist“, erzählt sie. „In der Küche ebenso wie im Keller oder im Dachzimmer.“ Dort finden sich auch all die ausgesuchten Öl- und Acrylfarben, mit Leinwand bespannte Rahmen sowie Pinsel aller Größen und Formen.

Wenn sie male oder zeichne, vergesse sie die Zeit, erzählt die 76-Jährige. „Manchmal überkommt es mich, wenn ich abends auf eine angefangene Zeichnung blicke, ich nehme den superfeinen Silberstift und beginne zu zeichnen. Beim nächsten Blick auf die Uhr ist es plötzlich 2 Uhr. Aber diese Arbeit erfüllt mich mit Ruhe und Frieden.“

Ebenso zeitlos aktuell wirkt auch ihre abstrakte Malerei: Man sieht ihnen nicht an, ob sie ein 20-Jähriger oder eine 70-Jährige gemalt hat. Sie zeigt nur eine sprudelnde Energie, die die Fülle des Lebens widerspiegelt.