Pilotprojekt

Armut – ein Thema auch in der Stadt Reinbek

Wie auf diesem gestellten Foto gibt es auch im vermeintlich reichen Reinbek ältere Menschen, die jeden Cent umdrehen müssen.

Wie auf diesem gestellten Foto gibt es auch im vermeintlich reichen Reinbek ältere Menschen, die jeden Cent umdrehen müssen.

Foto: Stefan Sauer / picture alliance / Stefan Sauer/

Reinbek. Die Stadt will einen Armutsbericht erstellen, um seine Alleinerziehenden und Senioren mit kleiner Rente zu unterstützen.

Reinbek.  Armut in Reinbek? Das scheint aktuell in der Stadt kein Thema zu sein. Doch laut eines Berichts des Deutschen Kinderschutzbundes Stormarn mussten 2018 in Reinbek 378 Kinder – das wären acht Prozent aller kleinen Reinbeker – von Hartz-VI-Leistungen leben. Das schreckte die Fraktion von Forum 21 auf, sie beantragte einen Armutsbericht für die Stadt Reinbek. Forum 21 konnte die anderen Fraktionen überzeugen und die Stadtvertreter beschlossen schon vergangenes Jahr, einen derartigen Bericht für Reinbek erstellen zu lassen. Denn valide Zahlen gibt es nach wie vor nicht.

Bürgeramtsleiter Torsten Christ rechnet fest damit, dass auch Reinbek das Thema Armut einholen wird: „Reinbek ist nicht mehr nur Villenviertel. Auch das Thema Altersarmut wird die Stadt noch erreichen“, berichtet er. „Wir wissen, dass sich viele Senioren beispielsweise rund um die Berliner Straße ihre Miete eigentlich nicht mehr leisten können.“ Doch sie würden lieber in Armut leben als ihr angestammtes Viertel zu verlassen. Verlässliche Zahlen zu erheben, sei Teil des angestrebten Projekts.

Teil der UN Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung

Überzeugend war auch die Präsentation von Dr. Anke Butscher, die im Sozialausschuss ein Konzept erläuterte, wie man den Armutsbericht erstellen könnte: als Teil der UN Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung, unter deren Dach auch soziale Ziele gefasst werden. Darunter sei explizit auch „Armut überwinden genannt“, wie die Beraterin für Gemeinwohlökonomie erläuterte. Voraussetzung für diesen ambitionierten Welt-Zukunftsvertrag von 2015 sei ein Umdenken gewesen: Nicht allein die sogenannten Entwicklungsländer, sondern alle müssten sich entwickeln.

Wie der Servicestelle für Global Nachhaltige Kommune Schleswig-Holstein schnell klar geworden sei, „braucht man zu 60 Prozent die Kommunen, wenn man diese Ziele erreichen will“, erläuterte Dr. Anke Butscher. Dies sei auch der Grund, warum der Bund Reinbek fünf kostenlose Workshops finanzieren würde, um den Armutsbericht samt Strategien und Maßnahmen dagegen zu entwickeln.

Reinbek wäre Pilotprojekt für Schleswig-Holstein

Im sozialen Bereich wäre Reinbek das Pilotprojekt für Schleswig-Holstein. Vorangehen würde den Workshops die Bestandsaufnahme: Die Verwaltung leitet alle relevanten Berichte, Beschlüsse und Leitlinien an Anke Butschers Beratungsfirma Corsus (Corporate Sustainability) weiter. Butscher analysiert die Daten mit den 47 von der UN festgelegten Zielen für nachhaltige Entwicklung und ihren Indikatoren. In ihren Bericht für Reinbek fließen die Workshop-Ergebnisse, Definitionen und Strategien, mit ein.

Politiker aller Fraktionen waren von dem Konzept angetan. Zumal sie ebenso wie Vertreter der Verwaltung, der Schulen und Beiräte als Teilnehmer der Workshops dabei wären. „Das Ergebnis wäre eine Entwicklung aus der Stadt heraus“, sagte Butscher. „Das ist doch eigentlich der Grund, warum wir alle hier sitzen“, schloss Thomas Fleckenstein (Forum 21).

Wer diese Ziele erreichen will, braucht die Kommunen.
Dr. Anke Butscher