Asbest-Alarm

Reinbeker Lehrer erwägen Asbest-Klage gegen Stadt

Foto: Barbara Moszczynski

Reinbek. Weil die Stadt seit Jahrzehnten Asbest-Gefahren in der Schule unterschätzt hat, wollen Pädagogen jetzt vor Gericht ziehen.

Reinbek.  Wie hoch ist die Asbestbelastung im Schulzentrum am Mühlenredder tatsächlich? Keine andere Frage beschäftigt die Reinbeker aktuell so stark wie diese. Wegen erhöhten Werten in zwei Klassenräumen hatte Bürgermeister Björn Warmer, wie berichtet, die komplette Schule am Dienstag gesperrt. Zwei Tage später leistete er als Verwaltungschef quasi einen Offenbarungseid in der Stadtvertretung, gab zu: Die Lage könnte noch viel schlimmer sein.

Asbest-Messungen seien in dem Gebäude seit 30 Jahren nicht mehr vorgenommen worden. „Mir stehen auch die Haare zu Berge, seitdem mir klar geworden ist, wie in den vergangenen Jahrzehnten im Rathaus mit dem Thema Asbest umgegangen worden ist“, erklärte der Verwaltungschef, der seit 2014 im Amt ist. Er sprach von einer langen Kette von groben Fehleinschätzungen im Reinbeker Rathaus.

Aktuell laufen 20 Messgeräte in der Schule

Doch auf die Antwort, wie hoch die Asbestbelastung im gesamten Schulzentrum ist, werden Schüler, Lehrer und Eltern noch bis Mitte nächster Woche warten müssen. Die Stadt hat entschieden, mit den Werten und deren Auswertung erst dann an die Öffentlichkeit zu gehen, wenn Daten aus allen mehr als 60 Schulräumen vorliegen und das Gesundheitsamt aus Bad Oldesloe diese ausgewertet hat.

Aktuell sind in der Schule 20 Messgeräte aufgestellt, immer zwei messen die Luft in einem Raum. Die Ergebnisse geben Aufschluss darüber, wie viele Asbestfasern es pro Kubikmeter in der Luft gibt. „Es macht keinen Sinn, jetzt nach und nach immer einzelne Werte zu veröffentlichen. Was wir brauchen, ist eine seriöse Auswertung aller Daten“, erklärt Lennart Fey, Pressesprecher der Stadt Reinbek.

Vier Tage nach der Schließung des Schulzentrums ist die Wut groß. Schüler, Lehrer und Eltern fragen sich, warum die Stadt nicht früher etwas unternommen hat. Die Lehrer erwägen sogar eine gemeinsame Klage gegen die Stadt. Schulleiter Dirk Böckmann sagt dazu: „Ich kann das voll verstehen und stehe dahinter. Es ist mein Recht und meine Gesundheit.“ Er selbst ist sauer und enttäuscht vom Bauamt.

Krisenmanagement des Bürgermeisters gelobt

Positiv überrascht sei er dagegen über die gute Zusammenarbeit mit dem Bürgermeister. Die bestätigt auch Melanie Koss, Vorsitzende des Schulelternbeirates. Sie lobt die „organisatorische Meisterleistung“ der Schulleitung, spart aber nicht mit Kritik in Richtung Stadt: „Man hätte definitv schon früher handeln müssen, Hinweise gab es genug. Hätte man früher begonnen den Sanierungsstau zu beseitigen, wäre das Problem vielleicht nicht so groß.“

Derzeit entstehe in der Elternschaft ein großer Unmut in Richtung Politik. Denn schon lange war die in dieser Woche beschlossene Sanierung der Schule von Eltern und Lehrern eingefordert worden.

Eltern hoffen auf Notlösung auf dem Schulgelände

Melanie Koss hat trotzdem Vertrauen in die Stadt: „Es war von Anfang an gut organisiert, das ist der Grund, warum keine Panik ausgebrochen ist. Da wird man mitgenommen und vertraut.“ Sie sei vor allem begeistert vom offenen Umgang, den der Bürgermeister pflege. „Das tut gut. Es gibt uns das Gefühl, es gibt keine Geheimnisse. Wir Eltern hoffen, dass es eine schnelle zentrale Notlösung hier auf dem Gelände gibt.“

Danach sieht es jedoch aktuell nicht aus. Die rund 700 Kinder und Jugendlichen müssen vielmehr auf drei Standorte verteilt werden. Die Grundschule Mühlenredder stellt Räume für 128 Kinder aus den fünften Klassen, den Daz-Klassen und einer Flexklasse. Die acht Container auf dem Schulgelände beherbergen die Stufen sechs und sieben mit 160 Schülern. Die 150 Oberstufenschüler lernen im Rathaus.

Kinder fragen ängstlich: „Kriegen wir jetzt Krebs?“

Am kommenden Montagmorgen um 8 Uhr gilt es außerdem 280 Schüler der Klassenstufen 8 und 9 vom Mühlenredder zur Fritz-Specht-Schule nach Wentorf zu bringen. Die VHH stellt dafür drei Busse mit insgesamt 200 Plätzen zur Verfügung, zudem hat die Stadt drei private Busunternehmen verpflichtet. Und es gibt weitere Solidaritätsbekundungen: Nicht nur das Wentorfer Gymnasium hat die Container vor der Schule für die Reinbeker Kinder geräumt, am Freitag hat auch die Wentorfer Gemeinschaftsschule nachgezogen. „Der Zusammenhalt ist Wahnsinn“, sagt Pressesprecher Fey.

Lehrer Peer Scheffler wird seine 8. Klasse nach Wentorf begleiten. Der Pädagoge sagt: „Es gab nicht sehr viel Unruhe, aber am Anfang kamen auch Fragen: ,Kriegen wir jetzt Krebs?’“ Für Schulleiter Dirk Böckmann sind „die Lehrer gut gebrieft und fangen viel ab“. Außerdem fänden sich in der Schul-App, dem digitalen schwarzen Brett, sowie der Homepage der Stadt (www.reinbek.de) alle aktuellen Informationen für Schüler und Eltern. Durch die gute Organisation gebe es kaum Nachfragen der Eltern.

Elternabend am 13. Dezember

Allerdings werde er von Schülern mit Fragen bestürmt. Am Freitag wurden die Toiletten im Hauptgebäude gesperrt und in der Sporthalle geöffnet. „Die Kinder haben Angst und wir haben das sofort aufgegriffen“ sagt der Rektor. Im Lehrerzimmer im Containerbau auf dem Schulhof hat Böckmann einen Info-Point für die Schüler eingerichtet, wo sie jederzeit ihre Fragen loswerden können. Zudem hat er eine
E-Mail an die Eltern verschickt und für kommenden Don­nerstag, 13. Dezember, um 19.30 Uhr zum Informationselternabend in die Aula des Gymnasiums Sachsenwaldschule eingeladen.

Bürgermeister trifft sich mit Schülern

Bürgermeister Björn Warmer will sich am Dienstag mit Vertretern der Schüler treffen. „Wir haben alle anderen Termine beiseite geschoben“, sagt der Verwaltungschef. Nach Schuldigen für die Misere suche er aktuell noch nicht, es sei aber klar: „Das ist schon eine Kette von Dingen, die lange, lange so laufen.“