Bedarfsplanung

Zu wenig Kinderärzte? Planer prüfen jetzt Datenbasis

Dr. Barbara Hogan, MVZ in Geesthacht: „Wir haben eine Akutsprechstunde eingeführt. Die Wartezeiten sind deutlich gesunken.“

Dr. Barbara Hogan, MVZ in Geesthacht: „Wir haben eine Akutsprechstunde eingeführt. Die Wartezeiten sind deutlich gesunken.“

Foto: BGZ

Reinbek. 2000 kleine Patienten behandelt der Reinbeker Kinderarzt Dr. Stephan Eiselt: Die Bedarfsplanung beruht auf Zahlen von 1990.

Reinbek/Bergedorf.  28 Kinderärzte praktizieren in den Kreisen Herzogtum Lauenburg und Stormarn – das entspricht einer Versorgungsquote von über 135 Prozent sagt die Kassenärztliche Vereinigung Schleswig-Holstein (KVSH). Neue Stellen verböten sich damit.

Aufnahmestopps in Kinderarztpraxen

Trotzdem klagen Familien über volle Wartezimmer. Manche Ärzte verhängen sogar Aufnahmestopps. Gründe für diese Diskrepanz: eine antiquierte Bedarfsberechnung und ein verändertes Nutzerverhalten.

„Ich ertrinke fast in Patienten. Es sind mit gut 2000 doppelt so viele wie im schleswig-holsteinischen Mittel“, sagt Dr. Stephan Eiselt. Der Reinbeker Kinderarzt bezweifelt Aussagen der KVSH, Schleswig-Holstein sei mit Kinderärzten überversorgt.

Mehrarbeit kaum berücksichtigt

Vielmehr sei durch das Statistische Landesamt belegt, dass es in Südstormarn einen Zuwachs von sechs bis sieben Prozent der bis Sechsjährigen gebe. Zudem würden erheblich mehr Vorsorgeuntersuchungen für Kinder im Kita- und Grundschulalter anfallen. „Das ist toll, bedeutet aber viel mehr Arbeit“, die bisher kaum berücksichtigt wird.

In Eiselts Fall kommt hinzu, dass die Kinderarztpraxis in Glinde krankheitsbedingt für längere Zeit ausfiel. „Die Kinder haben wir gemeinsam mit der Gemeinschaftspraxis Barsbüttel versorgt.“ Außerdem sehe er mehr kleine Patienten aus Bergedorf. „Eltern berichten, dass sie dort gar keinen Termin bekommen“, sagt Eiselt.

Kein Kinderarzttermin in Bergedorf

Weniger dramatisch die Situation in Geesthacht: Dort hat das Medizinische Versorgungszentrum (MVZ) an der Elbe, das größte dieser Art im südlichen Herzogtum Lauenburg, Anfang des Jahres die kinderärztliche Versorgung ausgebaut – von einer Stelle auf 1,5. Insgesamt praktizieren in der Elbestadt drei Kinderärzte auf 2,5 Stellen.

„Wir haben eine Akutsprechstunde eingeführt. Die Wartezeiten sind deutlich gesunken“, sagt Dr. Barbara Hogan, Geschäftsführerin und Ärztliche Leiterin des MVZ. Sie hält sich mit der Bewertung der Versorgungssituation zurück, führt Engpässe auch auf das Verhalten der Familien zurück.

Wartezeiten sind deutlich gesunken

„Die Inanspruchnahme medizinischer Hilfe und deren Frequenz hat sich deutlich verändert“, sagt Hogan. Der im MVZ angestellte Kinderarzt Jörn Karnop bestätigt: „Die Schwelle, zum Arzt zu gehen, ist niedriger geworden.“

Wie viele und welche Ärzte wo praktizieren dürfen, regeln die bundesweit geltende Bedarfsplanungsrichtlinie und Zulassungsausschüsse (Vertreter von Krankenkassen und Ärzte) nach dem Verhältnis von Arzt- zu Einwohnerzahlen.

„Die Bedarfsplanung ist sehr starr“

„Die Bedarfsplanung ist sehr starr und bildet Entwicklungen wie steigende Geburtenraten nicht sofort ab. Auf Bundesebene wird eine Reform vorbereitet“, sagt Marco Dethlefsen, Pressesprecher der KVSH. Eiselt mahnt: „Die KV-Berechnungen basieren auf Zahlen von 1990. Prognosen sagen aber, Stormarns Bevölkerung wird bis 2030 wachsen.“

Der Gemeinsame Bundesausschuss hat den Auftrag bekommen, „die Grundlagen zu überprüfen und gegebenenfalls neu zu fassen“, heißt es aus der KV Hamburg. Für Bergedorf ist, wie berichtet, ein zusätzlicher Kinderarzt-Sitz angekündigt, um die bestehenden Probleme zu mildern.