Prozess

Tod durch 20 Stiche mit einem Küchenmesser

Foto: Annett Habermann / Habermann

Lübeck / Aumühle. Im Prozess um die Tötung der 68-jährigen Rentnerin Anke M. Mitte Mai im Sachsenwald sind am zweiten Verhandlungstag neue Einzelheiten bekannt geworden. Der 46 Jahre alte Reinbeker Tatverdächtige schwieg während der Beweisaufnahme.

Am Nachmittag des 19. Mai 2012 hatte Anke M. in der Pflegeeinrichtung „fördern und wohnen“ noch am Kaffeetisch gesessen und ihre Medikamente eingenommen. Sie halfen ihr gegen Unruhe- und Angstzustände. Wenige Stunden später wurde die Reinbekerin im Sachsenwald mit mindestens 20 Messerstichen getötet. Spaziergänger hatten ihre Leiche am nächsten Tag im Unterholz gefunden.

Ob die 68-Jährige auch Angst vor Rüdiger G. gehabt hatte? Die beiden waren befreundet, doch jetzt muss sich der 46-Jährige vor dem Landgericht Lübeck wegen Totschlags verantworten. Er soll Anke M. getötet haben.

Am zweiten Prozesstag schwieg der Reinbeker gestern, saß in sich zusammengesunken auf der Anklagebank und vergrub sein unrasiertes Gesicht in den Händen.

Unterdessen brachten Sachverständige und Polizeibeamte der Spurensicherung immer mehr Details der Tat ans Licht. Nahe dem Leichenfundort fanden die Beamten eine Feuerstelle, die noch leicht qualmte. Weitere Angaben wurden dazu gestern allerdings nicht gemacht. Die Schuhe der Toten lagen in der Nähe – bequeme Sandalen, mit denen Anke M. gern ausgedehnte Spaziergänge durch den Sachsenwald unternahm.

Auf dem Waldboden, nur wenige Meter entfernt, hatten die Beamten auch das Küchenmesser gefunden, mit dem Anke M. lebensgefährlich verletzt worden war. Die 11,5 Zentimeter lange Klinge war verbogen, der Griff zum Teil abgebrochen. Damit soll Rüdiger G. seine Bekannte an Kopf, Hals, Brust und Bauch verletzt haben. Fünf Stiche in Hals und Brustkorb waren tödlich. „Anke M. verblutete innerhalb weniger Minuten“, so die Rechtsmedizinerin Dr. Ivana Gerling. Sie geht auch davon aus, dass Anke M. zwischen 21 und 3 Uhr starb und der Fundort auch der Tatort ist. An den Händen der Toten fanden sich Stichverletzungen. Sie weisen darauf hin, dass Anke M. versuchte, sich vor den Angriffen zu schützen.

Rüdiger G. war für seine aggressiven Ausbrüche bekannt. Auch er hatte einige Zeit in der Einrichtung in Sachsenwaldau gewohnt, wo er auch Anke M. kennenlernte. Wegen seiner Aggressionen wurde er hinausgeworfen.

Die Beamten untersuchten auch das spartanisch eingerichtete Zimmer, das Rüdiger M. in einem Männerwohnheim bewohnte. Im Restmüll auf dem Hof fanden sie einen Pullover und eine Jeans mit Blutspuren. Eine Verletzung an seiner Hand kommentierte der Tatverdächtige mit: „Ich habe mit einem Taschenmesser gespielt und mich dabei verletzt.“

Bei der Untersuchung von Rüdiger G. stellte die Rechtsmedizinerin fest: „Ich hatte den Eindruck, dass er sehr ängstlich war. Er machte zwar alles mit, aber dass wir zu dritt waren, verunsicherte ihn.“ Trotz seines Erscheinungsbildes – 1,90 Meter groß und 90 Kilogramm schwer – fühlte sich der 46-Jährige sichtlich unterlegen.

Das Motiv der Tat ist weiterhin ungeklärt. Alkohol spielte offenbar keine Rolle. Rüdiger G. trinkt nach eigenen Angaben nicht mehr, Anke M. war trockene Alkoholikerin.

Der Prozess wird am 19. November am Landgericht Lübeck fortgesetzt.