Kirche

Glaube ist mehr als Orgelrauschen

Foto: Holz

Reinbek. Viele erwachsene Christen sehen die Kirche nur selten von innen. Ostern, Weihnachten, Taufe und Hochzeit - das reicht nicht, finden die Pastoren und Pastorinnen des Kirchenkreises Ost. Mit dem Projekt "Erwachsen glauben in Reinbek" wollen sie mehr Menschen erreichen.

Taufen, Konfirmationen, Hochzeiten und Beerdigungsfeiern und einmal im Jahr Weihnachten – öfter bekommen viele Christen ihre Gotteshäuser nicht von innen zu sehen. Lose sind sie mit der Kirche verbunden, eine wirklich enge Bindung an die Gemeinde haben sie jedoch nicht. Der Glaube bröckelt und vielen ist gar nicht bewusst, warum eigentlich. Das soll sich jetzt ändern.

„Wir möchten Menschen herausfordern, sich noch mal oder auch zum ersten Mal mit dem Glauben auseinanderzusetzen“, sagt Claudia Süssenbach. Die 41-jährige Pastorin wird sich in den kommenden fünf Jahren im Wesentlichen darum kümmern, Menschen wieder an die Kirche und ihren eigenen Glauben heranzuführen, der in Vergessenheit geraten scheint.

Die evangelische Kirche hat ihr und zwölf Pastoren im Kirchenkreis Ost dafür eine Projektstelle eingerichtet. „Erwachsen glauben in Reinbek“ heißt der Titel des Projektes, für das sich die vier evangelischen Gemeinden in Reinbek zusammengeschlossen haben.

„Der Esoterik-Markt boomt, die Menschen gehen in Klöster. Sie sind auf der Suche nach Spiritualität, allerdings nicht immer in der klassischen Volkskirche“ haben sie und ihre Kollegen festgestellt. Vor leeren Kirchenbänken predigen sie in Reinbek – entgegen dem bundesweiten Trend – dennoch nicht. „Von 3000 Kirchenmitgliedern kommen Weihnachten 2000. Die Frage aber ist: ,Erreichen wir die wirklich?’“, sagt Rolf Kemper, Pastor in Reinbek Mitte. Seine Kirchengemeinde hat sich in den vergangenen Jahren komplett verjüngt, ein Prozess, den die Kirchengemeinde Reinbek West noch vor sich hat.

Während die ältere Generation noch fest im Glauben verankert war und ist, wenden sich die jungen Leute nicht selten kurz nach der ungebrochen beliebten Konfirmation ab, wenn die erste Liebe spannend oder der Einstieg in den Beruf anstrengend ist. „Das ist normal, es gibt im Leben ein unterschiedliches Interesse am Glauben“, sagt Kemper. Demnach gehe es bei der Aktion auch nicht darum, einen vermeintlichen Mitgliederschwund aufzufangen, sondern den Menschen im Leben einen Halt anzubieten und ihnen die christlichen Werte, auf denen unsere Gesellschaft basiert, zu vermitteln. „Wir wollen die Menschen ermuntern, Fragen zu stellen“, sagt Pastorin Margarethe Kohl, Pastorin in Reinbek Mitte.

Projekt-Pastorin Claudia Süssenbach wird deshalb Glaubenskurse anbieten, das Motto: „Für die, die nicht alles glauben“. Eine Art Konfirmandenunterricht für Erwachsene. Zudem möchte sie offensiver auf die Menschen zugehen, die Gemeindehäuser und Kirchen verlassen und dort Gesprächsbereitschaft signalisieren, wo sich jene aufhalten, die allein den Weg in die Kirche nicht finden würden.

Geplant sind Besuche auf der Hochzeitsmesse und auf dem Weihnachtsmarkt sowie ein Krippenspiel, das Weihnachten von Neuschönningstedt nach Ohe wandert. In der Erzählkirche können sich Menschen, die sich dem Glauben wieder annähern möchten, Heiligenlegenden, Mythen und Märchen anhören. Denkbar sei auch ein Tauffest am Mühlenteich, um bei vielen den Glauben zu wecken, der im Schlummerschlaf liegt. Damit Glocken läuten und Orgelrauschen, wie Pastorin Kohl sagt, eben nicht nur die Hintergrundmusik für frischverliebte Hochzeitspaare sind.