Reinbeker Vergewaltiger

Der Überfall hat das Leben verändert

Foto: Holz

Reinbek. Sie konnte dem Reinbeker Vergewaltiger gerade noch entkommen. Doch die Angst sitzt tief in Melanie D. An manchen Tagen kommt es ihr so vor, als hätte sie lebenslänglich bekommen. Aber sie kämpft sich Schritt für Schritt zurück in ein normales Leben.

Am Tag nachdem es passiert ist, fühlt sich Melanie D.* wie durch den Wolf gedreht. Der ganze Körper tut ihr weh, die blauen Flecken an den Armen und Handgelenken und die Würgemale am Hals sind die äußeren Zeichen der Gewalt, die ihr der Reinbeker Vergewaltiger angetan hat. Brutal hat der Fleischer (29) aus Wentorf die heute 39-Jährige vor einem Jahr auf dem Heimweg von einer Ü?30-Party im Sachsenwald-Forum überfallen. Nur ihre massive Gegenwehr und aufmerksame Anwohner, die ihre Hilfeschreie hörten, verhinderten, dass der Täter sie wie zwei andere Frauen zuvor sexuell missbraucht. Acht Jahre und neun Monate sitzt Stefan H. jetzt in Haft. An manchen Tagen kommt es Melanie D. so vor, als hätte sie selbst lebenslänglich bekommen. An anderen blickt sie sehr zuversichtlich in die Zukunft.

Die Tat vergessen? Nein, das kann sie nicht. Aber sie versucht dem, was passiert ist, keine Macht zu geben. „Ich lasse mir mein Leben nicht kaputt machen. Er soll keine Kontrolle über mich haben“, sagt die Mutter zweier Kinder.

Die ersten Tage nach dem Überfall funktioniert Melanie D. wie ein Roboter, klammert sich an all das, was vorher ihren Alltag ausgemacht hat. Frühstück für die Kinder machen, zur Arbeit gehen, einkaufen, Wäsche waschen, Fernsehen schauen, die Katze versorgen. Abends, wenn die Gedanken zur Ruhe kommen, es nichts mehr zu tun gibt, taucht sie aber auf, die Fratze im Garten. „Ich hatte lange kein ganzes Bild vom Täter. Als er mich überfallen hat, habe ich immer nur Teile gesehen“, erzählt die zierliche Reinbekerin. Und genau diese Fragmente tauchen vor ihrem geistigen Auge hinter Bäumen und Büschen auf. „Das Gehirn spielt einem einen Streich“, weiß sie heute.

Wenn sie „den Film schiebt“, wie sie es nennt, ist die Polizei eine große Hilfe. Die ermittelnden Kriminalbeamten bieten ihr an, sofort am Haus Streife zu fahren, wenn die Angst hochkommt. Dieses Angebot nimmt sie nie an, allein das Wissen, es tun zu können, hilft ihr. „Die Kripo hat wirklich einen tollen Job gemacht“, sagt sie dankbar.

Zwei Wochen läuft die Überfallene wie durch eine Nebelwand. Sie ist da, aber irgendwie auch nicht. „Es hört sich verrückt an, aber die Welt sieht plötzlich ganz anders aus. Man scannt seine Umwelt, die Antennen sind ganz weit ausgefahren. Auf keinen Fall will man wieder so überrascht werden, wie in der Nacht, als es passiert ist“, erzählt Melanie D.

Das, was in dieser Zeit, in der sie morgens schweißgebadet aufwacht, zusätzlich schmerzt: Einige Menschen, die ihr jahrelang nahe standen, wenden sich ab. Trost, eine Umarmung oder ein liebes Wort gibt es von vielen Freunden, aber auch von Leuten, von denen sie es gar nicht unbedingt erwartet hätte. Eine alte Schulfreundin nimmt sie spontan auf dem Sportplatz in den Arm, sagt, wie leid ihr alles tue. Kollegen finden genau die richtigen Worte, eine Nachbarin schenkt ihr einen Schutzengel. Der hat auf dem Nachttisch im Schlafzimmer einen Ehrenplatz bekommen.

Gerade, als sie nach Monaten wieder ein bisschen Boden unter den Füßen hat, kommt der Anruf der Polizei. Man habe jemanden gefasst, sie könne ihn möglicherweise identifizieren. „An diesem Abend bin ich noch einmal in die Knie gegangen. Es kam alles wieder hoch“, erzählt Melanie D. Eins tröstet sie auch in schweren Stunden: Sie hat in der Tatnacht alles gegeben, sich gewehrt wie eine Löwin. Mehr wäre nicht gegangen.

Fast auf den Tag genau ein Jahr ist seit der Schreckensnacht vergangen. Im Rückblick eine Zeit mit Höhen und Tiefen, ein Balanceakt der Seele, ein Wechselbad der Gefühle. Einen entscheidenden Schritt bei der Bewältigung der Ereignisse hat Melanie D. im Prozess gegen ihren Peiniger gemacht. Im Landgericht Lübeck sitzt sie Stefan H. gegenüber. „Das war meine Art von Therapie.“

An allen Prozesstagen schaut sie ihn nur einmal ganz kurz an. „Dann war das Bild in meinem Kopf komplett.“ Ihn beobachten, sehen, wie er auf die Fragen der Richterin und ihrer Anwälte reagiert? Nein, das will sie nicht. „Er saß da wie ein Häufchen Elend und ich wollte kein Mitleid mit ihm haben. Hätte er rumgejammert, von seiner schlechten Kindheit erzählt und gesagt, dass ihm alles so unendlich leid tue, wäre ich sofort gegangen.“ Das, was sie aber seit dem Prozess beruhigt: „Der Überfall hat nicht mir persönlich gegolten.“ Ein Zufallsopfer war sie, zur falschen Zeit an diesem Ort.

In dieser Woche möchte Melanie D. die Ereignisse endgültig hinter sich lassen. Am heutigen Donnerstag wird sie an einem Gottesdienst der Opferschutzorganisation Weißer Ring für Gewaltopfer in der Nathan-Söderblom-Kirche in Reinbek teilnehmen und über ihre Erlebnisse sprechen. „Am Ende werden wir einen Stein ablegen und damit symbolisch die Last abgeben.“ Für die Zukunft wünscht sich Melanie D. Glück und keine grauen Gedanken mehr. Am Sonnabend wird sie übrigens tanzen gehen. Auf der Ü?30-Party in Reinbek. Das Leben nach dem Überfall soll fröhlich beginnen.

*Name von der Redaktion geändert.