Ausstellung

Auf der Spur eines blutigen Kapitels deutscher Teilung

Reinbek. Wie viele Menschen an der innerdeutschen Grenze zwischen 1961 und 1989 ums Leben kamen, ist bis heute umstritten. Michael Gartenschläger ist einer der „Mauertoten“. Von einem vierköpfigen Sondereinsatzkommando wurde der damals 32-Jährige in der Nacht vom 30. April auf den 1. Mai 1976 erschossen.

Michael Gartenschläger war nicht etwa auf der Flucht aus der damaligen DDR, sondern als freier Mann im Kreis Herzogtum Lauenburg unterwegs. Beim Versuch, zwischen dem westdeutschen Bröthen und dem damals ostdeutschen Wendisch Lieps eine Splittermine abzubauen, hatten ihn Grenzsoldaten ins Visier genommen. Seine Leiche ließen sie verschwinden, heimlich wurde sie in Schwerin bestattet.

Der schwerste Grenzfall im Kreis Herzogtum Lauenburg sorgt auch jetzt wieder für Aufsehen. Lothar Obst, Direktor des Krankenhauses St. Adolf-Stift in Reinbek, hat zusammen mit der Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn eine Ausstellung vorbereitet, die Geschichte lebendig macht. Ein Jahr hat sich Obst akribisch in die Akten eingearbeitet, hat Zeitzeugen und Wegbegleiter aufgespürt und die Tatorte der Historie gesucht und dokumentiert.

Gartenschläger selbst hat in seinem Leben Spuren im gesamten Verbreitungsgebiet unserer Zeitung hinterlassen. Nachdem er als politischer Gefangener 1971 freigekauft worden war, lebte er ein Jahr in einem Hilfswerk in Reinbek, wohnte anschließend in Bergedorf und betrieb dort eine Tankstelle, von wo aus er die Flucht anderer Menschen aus der DDR plante. Seine letzte Wohnung vor seinem Tod hatte er in Barsbüttel angemietet. Die Akte „Gartenschläger“ liegt im Stadtarchiv in Geesthacht. Nach deren Durchsicht ist Obst sicher: „Er war willensstark, energiegeladen und letztlich in dramatischer Weise konsequent.“

Das Heidekraut steht kurz vor dem Frühlingserwachen, im Hintergrund stimmen sich die ersten Vögel zur Chormusik ein. Dass sich hier, in der Idylle zwischen Bröthen und Langenlehsten, vor 36 Jahren dramatische Szenen abgespielt haben, glaubt man dennoch sofort. Denn Lothar Obst, Direktor des Reinbeker Krankenhauses St. Adolf Stift, zeichnet die letzten Stunden im Leben des Michael Gartenschläger so anschaulich, als wäre er selbst in der Nacht vom 31. März auf den 1. April 1976 dabei gewesen.

Ein Jahr hat Obst Akten studiert, Zeitzeugen befragt und historische Orte besucht. Mittlerweile scheint er den jungen Mann, der von einem vierköpfigen Sondereinsatzkommando an der innerdeutschen Grenze erschossen wurde, so gut zu kennen wie einen Freund. Eine ganze Ausstellung widmet der geschichtsinteressierte Krankenhausdirektor zusammen mit der Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn dem einzigen Mauertoten im Kreis Herzogtum Lauenburg.

„Mir war am Anfang meiner Recherchen auch nicht klar, dass dieser Fall, der in ganz Deutschland diskutiert wurde, so einen örtlichen Bezug hat“, sagt Obst. Denn Gartenschläger, der als sogenannter politischer DDR-Häftling von der BRD 1971 freigekauft wurde, startete sein neues Leben in Freiheit in Reinbek. In jenem Haus am Ladenzentrum 8, das einst dem Hilfswerk „Helfende Hände“ gehörte und heute das Dialyse-Zentrum beherbergt. Später wohnte er von Sommer 1972 bis Herbst 1975 in einem Hochhaus am Fritz-Lindemann-Weg in Bergedorf und baute in seiner eigenen Tankstelle an der Kampchaussee (heute Kurt-A.-Körber-Chaussee) Fluchtautos, mit denen er 31 Menschen aus der DDR schleuste.

Mit 17 Jahren war Gartenschläger vom DDR-Regime festgenommen worden. Der junge Mann, der gern Rock-’n’-Roll-Musik hörte, hatte gegen die DDR-Führung revoltiert, eine Feldscheune angezündet, politische Parolen gesprüht. Seine Strafe: lebenslanges Zuchthaus. Erst sein Freikauf ermöglicht ihm ein neues Leben. Das jedoch ist von der Wut auf die DDR gekennzeichnet. „Er wollte der DDR heimzahlen, was sie ihm angetan hat“, sagt Obst.

Gelegenheit bietet sich direkt an der innerdeutschen Grenze. Mit dem heimlichen Abbau von dort angebrachten Splitterminen will er beweisen, dass die DDR im Kampf gegen die eigenen Bürger Waffen einsetzt, die weltweit geächtet werden. Es gelingt ihm tatsächlich, sein Beweismaterial landet beim Hamburger Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Obwohl mittlerweile die Behörden der DDR auf ihn aufmerksam geworden sind, er sogar vom in Schwarzenbek stationierten Bundesgrenzschutz gewarnt wird, zieht es Gartenschläger immer wieder an die Grenze. Dort warten bereits die Todesschützen auf ihn

Die Ausstellung im St. Adolf-Stift, Hamburger Straße 41, ist vom 24. März bis 28. Mai täglich von 8 bis 20 Uhr geöffnet. Zum Beiprogramm gehören zwei kombinierte Film-/Vortragsveranstaltungen am 26. April (19.30 Uhr) und 24. Mai (19.30 Uhr) sowie eine Tagesexkursion am 28. Mai, 9 Uhr, zu den Originalschauplätzen der Ereignisse. Anmeldungen im Sekretariat unter petra.ellgas(at)krankenhaus-reinbek.de.