Abschied

Mehr als 5000 Babys auf die Welt geholt

Foto: Anne Müller

Reinbek. Nach 28 Jahren am St. Adolf-Stift geht der langjährige Chefarzt der Reinbeker Frauenklinik, Dr. Knut Schirrmacher,in den Ruhestand. In dieser Zeit hat er mehr als 5000 Babys auf die Welt geholt. Ganz wird ihn sein Beruf nicht verlassen: Er will sich für eine Geburtsklinik in Afrika einsetzen.

Vom Flur der Frauenklinik schallen Baby-Schreie in das Chefarztzimmer von Dr. Knut Schirrmacher. „Das werde ich künftig sicher vermissen“, sagt er. Dafür setzt der 65-Jährige jetzt auf Enkel. Zeit, sich um den erwünschten Familiennachwuchs der drei Kinder (35/34/31) zu kümmern, hätte der Gynäkologe. Nach 28 Jahren am St. Adolf-Stift geht er in den Ruhestand. An die ersten Säuglinge, die er in Reinbek auf die Welt geholt hat, kann er sich nicht mehr erinnern, schließlich haben mehr als 5000 Babys mit seiner Hilfe in Reinbek das Licht der Welt erblickt.

Und das wurde seit den 80er-Jahren auch im Reinbeker Krankenhaus immer farbenfroher. „Damals kamen neue Ansätze für die Geburtshilfe aus Frankreich“, so Dr. Schirrmacher. Die klinische Atmosphäre verschwand aus den Kreißsälen. Sie wurden bunter und den Frauen wurden die Babys nicht gleich nach der Geburt entzogen. „Das war spannend“, sagt Schirrmacher, der mit dazu beitrug, den Kreißsaal auch für Männer zu öffnen. „Dagegen gab es damals viele Vorbehalte. Es hilft den Frauen aber sehr“, weiß er. Voraussetzung sei allerdings, dass die Männer fit sind und nicht zur betreuungsintensiven Zusatzbelastung für die Frauen werden.

Während seiner beruflichen Laufbahn hat sich nicht nur die Einstellung, sondern auch die Technik der Geburtshilfe enorm weiterentwickelt. „Als ich 1977 in der Facharztweiterbildung war, war der erste Vorläufer der Ultraschalldiagnostik ein sogenannter Vidoson. Mit diesem riesigen Schallkopf konnte man gerade mal in Umrissen den Kopf erkennen und wusste damit immerhin, ob sich das Kind im Mutterleib bereits gedreht hatte oder in Beckenendlage geboren werden musste.“ Heutzutage gebe eine 3-D-Gerät die kleinsten Details preis. „Mehr als die Hälfte aller Operationen in der Gynäkologie werden durch das Schlüsselloch vollzogen.“ Und auch die Kaiserschnitte seien schonender für die Frauen geworden.

Dass er Mediziner wird, stand für Knut Schirrmacher früh fest, obwohl der gebürtige Wentorfer familiär nicht vorbelastet war. Bis zum Ende des Studiums hatte er sich auf Rat des Vaters den Fachbereich offengehalten. „In unserer Examensgruppe entscheiden wir uns für die Geburtshilfe. Sie ist durch den Umgang mit jungen Menschen und positiven Erlebnissen am reizvollsten“, hatten die vier Mediziner, mit denen er heute noch befreundet ist, ihren Weg gefunden. Auch die Vielseitigkeit war für ihn eine Herausforderung. Krebsvorsorge, Operationen und nicht zuletzt Brustimplantationen zählten zu den Arbeitsbereichen des erfahrenen Mediziners.

Schirrmacher begann 1983 zunächst als Oberarzt in der Gynäkologie, 1990 wurde er Chefarzt. Der Gynäkologe hat während seiner Zeit als Chefarzt gemeinsam mit den Kliniken in Geesthacht und Ratzeburg die Gründung eines gemeinsamen Brustzentrums Herzogtum Lauenburg vorangetrieben.

Auch wenn er morgen Abend mit einer Feier im Krankenhaus verabschiedet wird, ganz lässt ihn seine Berufung nicht los. Sein Wissen und seine Erfahrung wird er für einige Wochen im Jahr dort einsetzen, wo es für die Menschen keine Selbstverständlichkeit ist. „Ich werde das Projekt Target von Rüdiger Nehberg unterstützen, der in Äthiopien eine Geburtsklinik für beschnittene Frauen plant.“ Hier habe das Krankenhaus schon zugesichert, dass ich ausgediente Geräte mitnehmen darf.“ Seine Ehefrau hat ihre Praxis in Nettelnburg bereits an eine Nachfolgerin übergeben und wird gemeinsam mit ihm Reisen und neue Projekte übernehmen. Tansania und das Amazonasgebiet würden die Schirrmachers reizen. Erst einmal aber geht es auf die Insel.

6 Auf Mallorca freut sich der handwerklich begabte Mediziner darauf, am Haus „herumzubasteln“. „Wir ziehen erst einmal mit Hund und zwei Katzen auf die Insel und kümmern uns um alles.“ In Wentorf freut er sich darauf, seine Hobbys Tanzen, Tennis und Musik zu erweitern, denn mit dem Schicht- und Bereitschaftsdienst war die Freizeitgestaltung eingeschränkt. „Vielleicht werde ich auch Mitglied in einem Orchester“, denn die Violine hat er wegen seiner Arbeitszeiten meist solo spielen müssen.