Bahnhof

An diesem Wochenende kam einst der Kaiser

Friedrichsruh. Es ist der älteste erhaltene Bahnhof in Schleswig-Holstein und er schrieb als "Bismark-Bahnhof" Geschichte. Dabei war der Bahnhof Friedichsruh schon vor dem Reichskanzler da und hohen Besuch empfing er lieber direkt vor der Haustür - so auch Kaiser Wilhelm II. im Jahr 1888.

Heute auf den Tag genau vor 123 Jahren kam es in Friedrichsruh zur ersten offiziellen Begegnung zwischen dem jungen „Brausekopf“ und dem „Alten“: Kaiser Wilhelm II. stattete dem Reichskanzler Otto von Bismarck am 29./30. Oktober 1888 seinen Antrittsbesuch in Friedrichsruh ab – zwei Jahre bevor ihr Amtsverhältnis mit Bismarcks Entlassung endete.

„Allerdings stieg der Kaiser nicht in ‚Bismarcks Bahnhof’ aus der Reichsbahn aus, wie das spätklassizistische Bauwerk fälschlich oft genannt wird“, sagt Andreas von Seggern, Museumspädagoge der Otto-von-Bismarck-Stiftung. „Stattdessen stieg er außerfahrplanmäßig direkt vor dem Tor des Bismarck’schen Herrenhauses, 250 Meter vor dem Bahnhof aus.“

Der Reichskanzler pflegte nämlich, wenn er hohe Herren zu Besuch erwartete – Minister, Botschafter und andere – bei der Deutschen Reichsbahn eine Sondergenehmigung für den Halt vor der Haustür zu erwirken. Seine Besucher stiegen dort einen kleinen Holztritt hinab und brauchten nicht den „Fürstenwartesaal“ neben denen des gemeinen Volkes zu nutzen. Auch für Bismarck, der im hohen Alter nicht mehr gut zu Fuß war, war es bequemer, seinen Besuch vor der Tür zu empfangen. Nirgends ist dokumentiert, ob er den Bahnhof jemals für seine Reisen genutzt hat.

In den einstigen Wartesälen und in den Räumen des Bahnhofsrestaurants ist heute die Ausstellung der Otto-von-Bismarck-Stiftung zu sehen. Das Treppenhaus, das aus dem öffentlichen Durchgangs- und Schalterbereich in die Wohnung des Bahnhofsvorstehers führte, ist noch im Original erhalten. Dort, wo damals die Billets für die Fahrt nach Hamburg oder Berlin verkauft wurden, ist heute der Empfang. Die Türen sind ebenfalls noch authentisch.

Als die Stiftung das Gebäude im Jahr 2000 übernahm und restaurierte, war es in einem desolaten Zustand: „Die Türen wurden noch im Keller gefunden – dort wo in den 1980er-Jahren die Rote Armee Fraktion und der Terrorist Christian Klar Unterschlupf gesucht hatten“, erzählt von Seggern. Ein Niedergang, der 1846, als die Bahnlinie Hamburg-Berlin eröffnet wurde, nicht abzusehen war.

Entgegen vorherrschender Meinung war der Bahnhof vor Bismarck da. Das Gebäude ist wohl der älteste erhaltene Bahnhof Schleswig-Holsteins. Heute wirkt er zwar repräsentativ, doch für klassizistische Verhältnisse ist er eher funktionell.

Der Bahnhof war anfangs vor allem für die Güter der Sachsenwaldgemeinden, für den Holzumschlag und den damals aufkommenden Tourismus gedacht. „Es war eher umgekehrt: Für Bismarck war der Bahnhof ein Argument, sich in Friedrichsruh niederzulassen“, erläutert der Historiker. „Die Bahn ermöglichte ihm den täglichen Postverkehr mit der Reichshauptstadt Berlin und somit auch, seinen politischen Geschäften weiter nachzugehen.“