Geesthacht/Ratzeburg/Lübeck.

Geburtshilfen droht die Schließung

Haftpflichtprämien explodieren – Belegärzte geben auf

Geesthacht/Ratzeburg/Lübeck.. Wo bekommen Frauen im Herzogtum Lauenburg künftig ihre Kinder? In den Kreißsälen der Region könnte es im kommenden Jahr eng werden, wenn das Lübecker Marienkrankenhaus seine Drohung wahr macht und 2018 die Geburtsstation schließt. Denn mit 1605 Geburten im vergangenen Jahr ist sie die drittgrößte in Schleswig-Holstein. Mehr Kinder wurden nur im städtischen Krankenhaus in Kiel (1972) und in der Diakonissenanstalt Flensburg (1920) geboren.

Den Wegfall der Lübecker Geburtenstation müssten auch die Krankenhäuser in Geesthacht und Ratzeburg auffangen – und letztes könnte ab dem kommenden Jahr selbst in die Bredouille geraten. Denn wie das Marienkrankenhaus wickelt auch das DRK-Krankenhaus der Kreisstadt die komplette Geburtshilfe über freiberufliche Belegärzte ab. Und für diese wird der Dienst im Kreißsaal wirtschaftlich immer uninteressanter. Denn immer mehr Versicherungen steigen aus – die wenigen machen die Preise und schätzen die Geburtshilfe als „Hochrisikobereich“ ein.

Die Prämien für Belegärzte – also niedergelassene Frauenärzte, die in ihrer Praxis und im Kreißsaal arbeiten – steigen ähnlich wie bei den Hebammen rasant. Bis zu 50 000 Euro sollen die Mediziner ab 2018 im Jahr für ihre Berufshaftpflicht zahlen. Eine Summe, aufgrund derer in Lübeck nun viele Gynäkologen ihren Ausstieg aus der Geburtshilfe angekündigt haben: Das mögliche Aus für die Geburtsstation des Marienkrankenhauses, das sich nach eigenen Angaben nicht leisten kann, alle Belegärzte fest anzustellen.

„Es ist schon heute mehr eine Liebhabertätigkeit“, sagt Belegarzt Dr. Kurt-Günter Hege, der mit zwei Partnern aus seiner Gemeinschaftspraxis im Ratzeburger Kreißsaal die Geburtshilfe übernimmt. Durchschnittlich 360 Säuglingen verhelfen die Ärzte jedes Jahr auf die Welt. Gemeinsam zahlen sie aktuell 55 000 Euro Berufshaftpflicht im Jahr. 211 Euro bekommen sie pro Geburt, die ohne Komplikationen abläuft. 72 Euro mehr gibt es bei einem Kaiserschnitt. Ob er oder seine Kollegen Konsequenzen aus der Prämienerhöhung ziehen, hänge vom kommenden Versicherungsbescheid ab. Aber klar ist: „Wenn einer von uns aussteigt, funktioniert es nicht mehr“, sagt Hege. Dann müssten die Schwangeren sogar bis nach Reinbek und Geesthacht ausweichen, die letzten dann verbliebenen Geburtsstationen im Süden Schleswig-Holsteins.

„Das Marienkrankenhaus hat einen hervorragenden Ruf“, sagt Dr. Klaus von Oertzen, Leiter der Frauenklinik am Geesthachter Johanniter-Krankenhaus, in deren Kreißsälen nur festangestellte Hebammen und Ärzte arbeiten (744 Neugeborene). „Es ist ein Drama, dass nicht die medizinische Qualität, sondern die Finanzen im Fokus stehen.“

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