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Insekt ohne Namen

Artenvielfalt Die Zahl unbekannter Arten ist riesig. Doch es fehlen Experten zur Bestimmung

Marco Krefting

Eigentlich könnten sich die Biologen Jérôme Morinière und Stefan Schmidt freuen. Sie haben in den vergangenen Jahren wahrscheinlich Tausende neue Tierarten entdeckt, vor allem Insekten. Nur weiß das leider niemand so genau, weil es an Experten für die Einordnung anhand besonderer Körpermerkmale mangelt. „Es fehlt an Leuten, die die Funde bestimmen können“, sagt Morinière.

Er und Schmidt arbeiten an der Zoologischen Staatssammlung München mit dem sogenannten DNA-Barcoding. Dabei wird ein Gen aus den Mitochondrien, den „Kraftwerken der Zellen“, sequenziert – das heißt: Die Reihenfolge der vier Basen, aus denen die DNA besteht, wird entschlüsselt.

Das Material dafür bekommen die Forscher unter anderem aus Fallen im Wald. Von den rund 50.000 in Deutschland bekannten Tierarten hätten sie bisher etwa die Hälfte in die weltweite Datenbank des DNA-Barcoding-Projekts gespeist – und zählen damit zu den weltweit größten Probenlieferanten. Ziel sei es, in den nächsten 25 Jahren alle Arten auf der Welt zu erfassen.

Immer wieder finden die Forscher dabei auch Gen-Sequenzen, die zu keiner bekannten Art passen. So seien in Deutschland etwa 800 Gallmücken-Arten beschrieben. „Wir haben aber 930 genetisch nachgewiesen“, erzählt Morinière. „Wer hätte gedacht, dass es hier vor der Haustür Tausende neue Arten gibt!“, sagt er. „Im Grunde braucht man nur im Garten keschern und hat schon was Neues drin.“

Weltweit seien bisher etwa zwei Millionen Tier- und Pflanzenarten beschrieben, so Birte Strobel von der Zoologischen Gesellschaft für Arten- und Populationsschutz. „Und es wird angenommen, dass noch einmal so viele noch nicht beschrieben sind, geschweige denn, dass ihre Bedeutung für das Ökosystem bekannt ist.“ Andere Schätzungen gehen von bis zu zehn Millionen existierenden Arten weltweit aus.

Sind die Berichte über das Insektensterben eine Mär? „Die Biomasse ist weniger geworden, das ist Fakt“, sagt Morinière. „Da wir aber nicht wissen, was da ausstirbt, kennen wir auch den Schaden nicht.“

Die Referenz-Sequenzen der bereits erfassten Tierarten ließen die Analyse von Massenproben mit Tausenden Individuen zu, erklärt er. Somit könne man rasch, billig und effizient Artenlisten erstellen.

Auch Lebensweise und ökologische Funktion der Arten ohne Namen, „Dark Taxa“ genannt, ließen sich mit DNA-Barcoding ermitteln, so Schmidt. Auf eine pflanzenfressende Art kämen im Schnitt fünf sogenannte parasitoide Arten, die den Wirt töten könnten und somit eine regulatorische Funktion hätten. Das sind oft winzig kleine Insekten wie Schlupfwespen, die der Mensch mit bloßem Auge kaum sehen kann.

Doch um sie zu bestimmen, braucht es Fachleute, die sich mit Taxonomie – der Einordnung verwandtschaftlicher Beziehungen von Lebewesen in Hierarchien – auskennen. Und hier hapert es: Von den mehr als 30.000 in Deutschland bekannten Insektenarten seien ein Drittel Käfer und Schmetterlinge, sagt Morinière. „Damit befassen sich aber 90 Prozent der Taxonomen.“ Auch für Libellen gebe es vergleichsweise viele Experten: „Für die kleinsten Gruppen gibt es die größten Fans.“

Hilfe aus Russland angefordert

Unscheinbarere Arten kommen da schlechter weg. „Wespen und Fliegen haben nicht so eine Lobby wie Käfer und Schmetterlinge.“ Zur Bestimmung mancher Funde seien schon Spezialisten aus Russland nach München geholt worden.

Dabei könnte es mit der neuen Methode viel schneller gehen. Das DNA-Barcoding sei ein riesiger Sprung, sagt Biologe Stefan Schmidt. „Man braucht sich nicht mehr mit dem Bestimmungsschlüssel abzuquälen.“ Experten der morphologischen Bestimmung könnten sich von Routinen befreien, müssten nicht mehr jedes Tier unter die Lupe nehmen, sondern könnten sich auf Unbekannte konzentrieren.